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einhorn insel der seligen

Hintereinander hin

Es war das nahe Grölen eines Volksfestbesuchers in kariertem Hemd und lederner Büx, das mich wieder zur Besinnung brachte.

Versperrt waren wir, verhakt ineinander, hingen an einem Gitter, Metall an Metall, und waren uns genug.

Du bist mîn ich bin dîn

Jemand muss uns grob behandelt, wahrscheinlich zu Boden geschleudert, und jedenfalls entsperrt haben.

Jetzt hängen wir sinnlos nebeneinander am Rand dieses Eimers, ohne zu wissen wozu, ohne zu wissen, was sich in dem Eimer befindet: Spülwasser oder Erbrochenes von Volksfestbesuchern. Wir haben keinen Geruchssinn.

Sie sind so zahlreich, die Volksfestbesucher. Sie schwanken und schunkeln und schmusen vorbei. Die Frauen schnäuzen sich in ihre bunten Schürzen. Nicht alle grölen, aber manch einer blickt begehrlich zum Eimer, der durch unser ungewolltes Hängen an Besonderheit gewinnt.

Des solt du gewis sîn

Entweder sind wir gedacht als Verschönerung für ihn oder unsere metallische Strenge soll potentielle Erbrecher abhalten.

Oder beides.

Wir sind es auch, die die angesichts der Schwerkraft unnatürliche Schiefstellung des Eimerhenkels sichern. Ein weiteres Signal?

Das heißt, …

Dû bist beslozzen in mînem herzen -

… sie ist dafür verantwortlich, sie stützt diesen hässlichen Henkel mit ihrem Schwanenhals, ermuntert Hände, danach zu greifen, mehr als Münder, sich in den Eimer zu entleeren.

Sie, mein Schlösschen, das ich hoffentlich nicht immer nur von hinten sehen werde – nun ja, sie ist auch von hinten schön! Wie innig waren wir verschlungen und versperrt!

– verlorn ist daz slüzzelîn

Da …

Dieses kleine Tier, noch kleiner als wir, das sprungbereit hinter der offenen Tür lauert und mit seinen riesigen Augen eulengleich die taumelnden und trippelnden Volksfestbesucher anstarrt (aber von deren Bier ausschwitzenden Blicken nicht erfasst wird) – hat es etwas mit uns zu tun? Seine Hände sind klein, doch der Auswuchs am Kopf ist Furcht erregend. Es wartet, es wacht, vielleicht über uns. Über die rettenden, Sinn stiftenden Schlüssel?

Dû muost iemer darinne sîn

Doch nun wankt eine Schürzenträgerin auf uns zu und reißt ungesteuert am Saum ihres Kleids, nestelt wild an dessen unsichtbaren Teilen. Der begleitende Schürzenjäger ist stolpernd stehengeblieben, wendet mühsam den Kopf und versucht ihr mit seinem roten und seinem blauen Auge zu folgen. Er will rufen, verschluckt sich, stammelt:

Naaa, Räääsi, blaib dooo, naaa, des konnst net maaaacha!

Aber Theresia denkt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Die Welt hat sich verdunkelt.

Unsere Abwehrkraft beschränkt sich auf eine winzige Fläche kalten Metalls, doch der Überdruck der Volksfestbesucherin ist stärker, sie hat auch den splitternden Henkel ignoriert. Der Eimer füllt sich bedrohlich und unter Lärmentwicklung. Ein stampfender, johlender Kreis aus Lederhosen und Karohemden hat ihn umringt und verdeckt mir auch das Eulentier. Es kann nicht eingreifen.

Mein einziger Wunsch: Möge mein Schlösschen noch nicht aus ihrer Ohnmacht erwacht sein!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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