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einhorn insel der seligen

Mezquita


Da müssen sie durch, die Gebete. In permanenter Zickzackbewegung. Sie dürfen nicht zusammenstoßen oder gar sich ineinander verschlingen. Es ergäbe unverständliches Kauderwelsch. Welchem Gott wäre das zuzumuten?

Gebete müssen sich ständig wiederholen, sowie sie den Seelenkeller und die Mundhöhle verlassen haben. Je öfter wiederholt, umso dringlicher wird die Bitte, ein Ohrwurm soll sie sein im allerhöchsten Ohr. Daher raten Geistliche aller Religionen zu möglichst kurzen (und dabei klaren) Formulierungen.

Gebete werden in der Regel geflüstert – nicht nur, um den lieben Nachbarn nicht zu stören, sondern vor allem, weil diesen das zugrunde liegende Problem nichts angeht.

Es kommt aber auch vor, dass der Betende ganz auf Laut und Schall verzichtet. Er will seine Gedanken keiner Form von Sprache anvertrauen, denn er weiß: Wörter sind wankelmütig, sind mehrdeutig, fügen sich oft dem Gedachten nicht und können leicht verdreht werden. Lernen auch solche Gebete das Fliegen? Das musst du einfach ausprobieren.

Schreibkundige können ihr Anliegen zu Papier bringen, aber im Gotteshaus ist dafür kein Depot vorgesehen. Solche stets anonymen Bittzettel werden an bestimmte Bäume gehängt und ihre Bitten wie die tibetischen Gebetsfahnen dem Wind anvertraut. Nachteil: jeder kann sie abpflücken und lesen und damit die Bitte torpedieren. Unter Umständen erkennt er den Bittenden - nicht nur, weil er um dessen Notlage weiß, sondern schon an der Schrift.

Hoch oben unter den Kuppeln sammeln und bündeln sich die Gebete. Sie warten auf den Weggang der Beter, bevor sie sich aufschwingen durch winzige, von Dienern der Geistlichkeit absichtlich offen gehaltene Luken und durch Äther und All hinauf (oder hinunter?) zu allen denkbaren Göttern reisen.

Wo die Frage sich stellt: Was tust du, Gott, wenn ein Untertan dich um einen Gefallen bittet? Ich wette, du schaust auf den Absender: Ah, Weltkulturerbe. Das macht etwas her. Da schauen wir mal genauer hin.

Die Götter werden die Bitten höchstens zu einem Prozentsatz von 10 bis 15 % erfüllen. Sonst würden sie ohne Unterlass mit Gebeten bombardiert. Das wäre dann wie der Spruch eines Zauberers: Simsalabim – und schon steht das Gewünschte vor dir – der neue Kaftan oder die Braut deiner Träume.

Erfüllte Wünsche und erhörte Gebete sind in der Regel Selbstläufer, das heißt, sie hätten des Gebetes (und des Gottes) gar nicht bedurft.

In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass manche Religionen behaupten, ihr Gott sei allwissend. Da erübrigen sich also Gebete aller Art sowie Wunschzettel.