Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

HUGRE



Ein Mann hat es sich bequem gemacht im Schatten und lässt sich die pralle Sonne auf die Beine scheinen. Er schwenkt ein Glas mit einem Strohhalm, Mate oder Eiskaffee, und scheint guter Dinge. Kann sein, er wohnt hier in diesem steinernen Winkel, unbehelligt von den Ordnungshütern. Eher wahrscheinlich ist, dass hier sein Schlafplatz ist.

Es soll Menschen geben, die Wände durchdringen, sich in sie zurückziehen können. Jetzt eben hat der Mann die Knie gebeugt und die Füße angezogen, nur sein Stock liegt noch vor ihm, doch niemand wird drüber stolpern.

Gelassen hockt er da, schon halb ein Teil der Wand. Die große Bewegung mit dem ausgestreckten Arm geht weiter, urbi et orbi.

Was in ihm vorgeht, ist schwer einzuschätzen. Seine Miene verbirgt die Gefühle, die eines nach dem anderen in ihm wandern wie der Singsang der flachen Wellen im Kanal. Damit wird er einschlafen.

Der kahle Schädel, die strengen Gesichtszüge, die tiefen Falten - uralte Weisheit? Der Mann hat etwas Asketisches, etwas Philosophisches an sich.

Sein beharrliches Schweigen scheint diesen Vorstellungen recht zu geben.

Im Schatten ist nur sein Gesicht deutlich zu erkennen. Der Körper verschmilzt mit dem Grau der Wand, an der er lehnt. Es ist ein helles Grau wie von Rauchschwaden oder Nebelwerfern. Über ihm in der Wand scheinen verwischte, blutrote Inschriften auf.

Und siehe, auf den zweiten und vielleicht auch den dritten Blick verwandelt sich das Gefäß in seiner hoch erhobenen Hand. Ein menschlicher Kopf mit einer Schiebermütze, der traurig zur Spitze des schwarzen Stocks blickt, und ein zweiter Kopf im Profil, den Blick von dem an der Mauer Hockenden abgewandt, sind aufgetaucht. Was wir zunächst als Strohhalm wahrnahmen, ragt nun aus Auge oder Stirn wie ein Fanal, wie eine Kanüle. Der Mann, der eine solche Ungeheuerlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes hoch hält, sieht jedoch nicht wie ein Angehöriger eines Naturvolkes aus, das die Kultur des Schrumpfkopfes pflegte. Wir hätten eher einen chinesischen Gelehrten, sagen wir, der Ming-Zeit, in ihm vermutet. Der kahle, rasierte Schädel spricht nicht für einen Bewohner der freien Natur, der sich vor Sonnenbrand oder Sonnenstich schützen muss und sich freut, dass er langes, dichtes Kopfhaar besitzt.


HUGRE könnte die Lösung solcher Fragen sein. Doch dieses Wort, das wie eine Adresse über Mann und Wand und Hand die graue Mauer belebt, bleibt hinter einem eng gewebten Schleier exotischer Sprachen ein Rätsel.

HUGRE bündelt das Unwissen.

HUGRE erinnert daran, dass der Mund des Mauer-Mannes gierig geöffnet ist. Gut, dass es bald Nacht sein wird. Dann werden nicht nur der Körper, sondern auch der Kopf und der frevlerische Arm Eingang in die Mauer gefunden haben.

HUGRE gewinnt Körper und geht in die Träume ein.