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einhorn insel der seligen

Geburtstagskuchen


Nach dem Sterben bleibt die Hässlichkeit allein. Das Gestorbene verwandelt sich allmählich in nichts weniger als nichts. Es wird nachgeholfen. Jemand zieht die Matte weg, mit Schwung, so dass der so misshandelte Kuchen herunterrutscht und zerfällt. Er kann wie die krummen Holzstäbchen, im Grasland verbleiben. Die Matte muss in den Müll zu anderem Müll und zuletzt ins Krematorium. Dinge wie Kronkorken oder Zigarettenkippen werden von der umgestürzten Masse bedeckt sein und keinen Anlass zu spezieller Entsorgung darstellen. Möglich, dass der Teig einfach Erde war, dann wird der Platz, den die Matte bedeckte, rasch neu bewuchert werden.

Der Ort verfällt dem Vergessen. Ebenso die vorhergegangene Geburtstagsfeier. Später auch das Geburtstagskind. Gras wächst drüber, wie gerne gesagt wird.

Eine Sache mag man bedauern: Auch die Einfriedung des Kuchens mit irgendwo eigens gesammelten schwarzen oder dunkelfarbigen Steinen, die diesen von der schon zuvor bestehenden Hässlichkeit der Matte absetzte, wird zerstört. Diese Steine garantierten eine Struktur, jetzt liegen sie wild durcheinandergeworfen in völliger Formlosigkeit, halb verschüttet von der weichen und vermutlich losen und lockeren Masse des Kuchens.

Grotesk waren von Anfang an die krummen Holzstäbchen, die unmöglich als visueller Ersatz für Kerzen durchgehen konnten. Man wünschte sich ein Feuer, in dem sie sofort zu Asche verbrennen würden, Asche, die der erste Wind mitnehmen und verstreuen sollte.

Ein seltsamer Geburtstag! Sollte das die Bilanz einer bestimmten Anzahl gelebter Jahre sein? Wer waren die Geladenen? Wer war der, der dazu einlud?

Ein Einsamer? Einer, der nicht mehr weiter konnte, nicht mehr weiter wusste. Er scharrte Erde zusammen, holte sich Ästchen vom Totholz, brach sie in kleine Stücke, steckte sie sich zurecht. Den Menschenabfall ließ er liegen, wo sie lagen. Eingeladen war niemand.

Die schwarzen Steine bedeuteten ihm etwas, sicher freute er sich, als er sie in der Nähe entdeckte, in einem Bach vielleicht. Er legte sie sorgfältig aus. Dachte er an die Blausteine von Stonehenge? Nein, wahrscheinlich wusste er nicht davon, hatte nie gehört, dass man ihnen heilende Wirkung zuschrieb und Menschen aus ganz Europa zu diesem so weit von ihnen entfernten Platz pilgerten.

Er hatte kein Feuer und keine Zigarette. Aber die Kippe rührte er nicht an. Er verzog sich ins Gebüsch. Als er wieder hervorkroch, verzweifelte er an seiner Idee, sein Gefühl von Leben in das Bild eines Grabhügels gefasst zu haben. Das packte ihn an und schüttelte ihn. Er schrie auf und schrie so lange, bis man ihn fand und in sein Heim zurückbrachte.

(Objekt documenta Kassel 2012)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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