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einhorn insel der seligen

Sangre de Primo


Blut an den Mauern der Kathedrale. Überall Blut. Das Blut von Hunderttausenden. Es rinnt zum Abwasser in die Gosse. Oder es stockt und macht den Boden fleckig.

Für dieses Blut gibt es keinen Ersatz. Die Toten werden nicht wieder lebendig.

Primos Blut ist es nicht. Primo wurde wegen staatsfeindlicher Umtriebe und Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes verurteilt und hingerichtet. An die Wand gestellt. Erschossen. Eine kleine Wunde, durch die nur wenig Blut austrat.

Wenig später hatten seine Leute die Oberhand gewonnen. Exhumierung, Überführung, Staatsbegräbnis, später Mausoleum, Gedenktafeln in allen Dörfern und Städten des Landes, auf denen lange Listen von Märtyrern zu lesen waren. An der Spitze jeder Liste stets: Primo. Primo für alle Zeit. Jedes Schulkind stand mindestens einmal im Jahr davor. Die Mitglieder der Kriegervereine mehrmals im Jahr.

Ehre, wem Ehre gebührt.

Niemand weiß, für die Vernichtung von wie vielen Menschenleben Herr José Antonio Primo de Rivera die Verantwortung trägt. Niemand will es wirklich wissen. Und immerhin hat er dafür bezahlt.

Viele andere haben die Schlächtereien überlebt, die Staatsfeinde besiegt, ihren Tod gefeiert, ihre Namen getilgt aus der Erinnerung und sich selbst auf schmucke Podeste gehievt.

Sicher ist, dass Primos Vater Miguel auf seinen Sohn stolz gewesen wäre. Nach einer steilen Karriere beim Militär, wobei er sich besonders in der Kolonie auszeichnete - durch Kriegführung mit Gas gegen arabisch-berberische Untermenschen - reichte ihm der König die Hand und machte ihn für sieben Jahre zum Diktator. Er starb in einem Krankenhaus. Zum Märtyrer taugte er nicht, dafür grüßte er von so manchem Denkmal herunter und schaute zufrieden auf alle herab, die er in den Tod getrieben hatte.

An den Mauern der Kathedrale klebt kein Blut. Es sind Spuren von Farbbeuteln. Theaterdonner also. Eine Inszenierung. Die Demonstration einer politischen Meinung, die ihre Wurzeln in ferner Vergangenheit hat. In einer Vergangenheit, die der Gegenwart keine Ruhe lässt, die an ihr nur scheinbar abprallt.

Die Gegenwart verfügt nicht über solche Mauern wie die Kirche.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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