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einhorn insel der seligen

Ein Ungeheuer


Da kriecht es. Da liegt es auf der Lauer. Es hat dich noch nicht gesichtet. Du kannst vorerst ungefährdet seine Reiß- und Schmirgelzähne von der Seite betrachten. Wie der Kiefer klafft! Sogar für einen Wasserkopf wäre Platz.

Wer hat sich so etwas ausgedacht? Ein Ingenieur und Bastler, der Gefallen gefunden hat an Büchern über die Erdgeschichte und speziell die Evolution. Da hat er sich ein Tier als Vorbild genommen. Die Abbildung, die er gesehen hat, war selbstverständlich eine Rekonstruktion. Von dem Tier waren nur ein paar Knochen übrig geblieben und wahrscheinlich Zähne. Zähne halten am längsten.

Es ist anzunehmen, dass die Wissenschaftler sich fürchterlich gezofft haben, zum Beispiel über die Frage, ob das Tier einen Schwanz hatte oder wie seine Haut beschaffen war.

Gott hat ihnen zugehört und herzlich gelacht.

Aber gegen das Tier, das wir da vor uns sehen, kann Gott nicht anlachen. Es ist eine menschliche Erfindung. So wie die Welt und die Evolution und die kosmische Hintergrundstrahlung und so fort seine Erfindungen waren. Die sind so ziemlich abgeschlossen mit ihren Konsequenzen hinein in die Zukunft, die er kennt wie Gegenwart und Vergangenheit, wie mich und dich. Erfindungen von uns wird es noch ein bisschen Zeit weit geben, das steht zu hoffen.

Unser Tier hält still. Der Stecker ist noch nicht eingesteckt. Bewundern wir inzwischen die Nacken- und vor allem die Kiefermuskeln. Und das Auge, das bald sich langsam um sich selbst drehen wird wie das eines Chamäleons. Der Kamm wird sich nicht auf die Aufgabe beschränken, das männliche Tier noch schmucker zu machen, als es ohnehin schon ist. Sondern …?

Gott kratzt sich seufzend hinter den Ohren.

Seine Geschöpfe haben oft seltsame Einfälle. So wie diesen: Warum sollten nur Männchen einen Kamm besitzen? Eine uns sehr vertraute Spezies hat keine Männchen mit Kamm hervorgebracht. Dafür Weibchen mit ausgeprägten fleischlichen Kurven und Hügeln.

Der kugelrunde Bauch des Tiers scheint auf ungebremste Fresslust hinzudeuten. Doch es könnte sich auch um eine Schwangerschaft handeln. Auch in diesem Fall mit dem Drang nach maximal erhöhter Nahrungsaufnahme.

Ein schwangeres Reptil? Ein Irrweg der Evolution! denkt Gott, dann besinnt er sich. Hat er nicht auch Reptilien im Federkleid geschaffen, die später fliegen lernten und zwar anders als die Flugsaurier, die es schon gab? Und schließlich – die Menschen?

Draußen stehen sie, die Menschen, und warten, dass einer der Ingenieure den bewussten Stecker in die Steckdose steckt. Dann wird sich das Ungeheuer langsam in Bewegung setzen, einem unsichtbaren Fressopfer hinterhertapsen, zupacken und die Beute in sich hineinwürgen. Mit den passenden Geräuschen. So wie es gewesen sein muss, damals.

Den elektrischen Strom habe ich auch erfunden! tröstet sich Gott.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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