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einhorn insel der seligen

Schrift


Schrift kann nicht fliegen. Erdgebunden ist sie, Steinen, Pflanzen, Tierhäuten verhaftet.


Mühsam bohrt sie sich in den Grund, der Grund stemmt sich dagegen. Jeder Buchstabe ein Kampf. Jedes Wort ein Sieg.


Schrift hält fest. Je härter die Mühe des Ritzens, desto dauerhafter ihr Bestand. Ohne Schrift bleiben die alten und neuen Toten ohne Gesicht, ohne ein Leben in der Zeit. Sie sind einfach nur tot, ein für alle Male.

Was Schrift nicht kann: die Stimmen konservieren, die dieses Wort, die jenen Satz sprachen, Stimmen, die aus dem Innern eines Menschen kamen, die Warnung waren oder Rat, Anfeuerung oder Hetze, Urteil oder Verurteilung.


Die Meißler oder ihre Herren mögen lügen. Schrift tut es nicht. Sie steht immer für sich. Bewundernswert hat sie der Zeit standgehalten, mag sie auch einen unfähigen oder würdelosen Herrscher verewigen, mag sie sinnlose, blutige Schlachten verherrlichen. Es wird ihr nicht nachgetragen werden. Denn sie vermag es hell zu machen im Dunkel.


Was immer heilig sein will, verlangt nach Schrift. Ohne Wenn und Aber sollen die Gebote höherer Wesen für alle Zeiten Gültigkeit behalten. Propheten sterben wie jedermann, Gesetzestafeln bleiben bis in eine ferne Zukunft hinein, sie regeln Schuld und Verantwortung. Ihre Feinde müssen danach streben, sie zu zerschlagen. Das ist wichtiger, als die Menschen zu töten, die an sie glauben.


Schrift fordert Leser. Sogar ein Dummkopf kann lesen lernen.

Wer lesen kann, wird sich bemühen, selber Schriftbilder zu erzeugen, sie für seine Zwecke einzusetzen oder mit ihnen zu spielen.


Die Buchstaben selbst sind ja Gebilde, entstanden wie aus einem Spiel, eine Fügung von Linien, geraden oder krummen.


Die Mächtigen haben den Wert von Schrift rasch verstanden und nur eine Form – die ihre – geduldet.



Was für ein Vergnügen dagegen wäre es, eine neue, geheime Schrift zu erfinden, die nur wir lesen könnten, du und ich.