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einhorn insel der seligen

Ossuarium


Sich selbst überlassen, liegen unsere sterblichen Überreste irgendwo vergraben. Die Friedhöfe sind aus allen Nähten geplatzt und schließlich aufgelassen worden. Hasen und entlaufene Karnickel gab es dort immer schon, sogar Hochwild tauchte gelegentlich auf, Füchse zuhauf, sowie Marder und Waschbären. Die Pflanzen haben inzwischen längst die Grabsteine überwuchert. Deren viele wurden auch gestohlen und anderen Zwecken zugeführt.

So konnten wir im Voraus keinen Ort mehr bestimmen für unser Verwesen. Wer einen Garten sein eigen nannte, dem half die Rücknahme des sogenannten Gartengrabverdikts, das für Menschen und Haustiere eine letzte Ruhestätte in eigener Erde ausgeschlossen hatte. Viele Gartenlose fanden Beistand bei Freunden, die Gärten besaßen.

Wir anderen dagegen mussten auf die Hinterbliebenen vertrauen. Noch zu Lebzeiten allerdings konnte man sich oft, beobachtend, wie es bei Freunden oder Verwandten zuging, des Eindrucks nicht erwehren, dass auf Hinterbliebene häufig kein Verlass war. Diese wurden jedoch durch jeden Todesfall vor schwere, oft kaum lösbare Aufgaben gestellt.

Die neuen Bestattungsunternehmen verpflichteten sich zwar, in den verbliebenen Restwäldern geeignete Plätze aufzuspüren und dort eine Bestattung nebst Aufstellung einer Gedenktafel – zumeist kleine, kaum auffällige Schilder an Bäumen oder seltener an Pfählen oder Pflöcken – durchzuführen. Sie verlangten dafür horrende Summen. Aus Sicherheitsgründen sollten Totenfeiern nicht direkt an diesen improvisierten Gräbern stattfinden, das hätte zu viel Aufmerksamkeit erregt und womöglich den Besitzer des fraglichen Terrains alarmiert. Die Bestattungsunternehmen lieferten nach Verstreichen einer Frist Wegbeschreibungen, die leider nicht immer zielführend waren. Es geschah, dass man an dem bewussten Ort ankam und keinerlei Hinweis auf ein Grab fand. Der Grund konnte sein, dass jemand (der Besitzer?) die Gedenktafeln abgenommen hatte. Es konnten auch Sammler gewesen sein. Die Bodenbeschaffenheit gab meist keine Anhaltspunkte, da die Bestattungsunternehmen aus den oben schon genannten Gründen höchstes Interesse hatten, jede Spur des Aufgrabens zu tilgen.

Was mit mir nach meinem Ableben geschah, davon habe ich natürlich keine Ahnung. Ich war ja rechtmäßig gestorben.


Jemand muss mich wieder ausgegraben haben. Nicht komplett, das wäre unwahrscheinlich, da fehlte sicher schon zu viel. Nur Kleinteile, die jetzt bleich (das nehme ich an) in der Sonne liegen.

Diese lange Zeit blockierte Energiezufuhr weckte anscheinend Reste von Körpergefühl und Spuren von Erinnerung (siehe oben). Meine Knochen seien in erstaunlich gutem Zustand, sagt jemand, dessen Schallwellen mich durchdringen. Ist es ein Archäologe? Hätte ich es zu einem Ötzi gebracht?

In Friedhöfen wurden früher die Toten, wenn von ihnen nur mehr die blanken Knochen übrig waren, exhumiert und in ein sogenanntes Beinhaus umgebettet, um für neue Bestattungen Platz zu schaffen. Vielleicht ist dies nach meinem Tod wieder Usus geworden. Irgendwie …


(In diesem Augenblick war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden)