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einhorn insel der seligen

Luthern knipsen


Luther steht nicht allein. Die Medien sind auf seiner Seite. Selbst ein biederes Amateurfoto wie dieses von mir, das ein Amateurfoto in statu nascendi abbildet, verbreiten seinen Namen, vermehren seinen Ruhm.

Allen zeigt er, was er zu bieten hat: die Schrift; das geschriebene Wort; die neue Sprache, die angeblich er erst erfunden hat, den Luthersprech, das Lutherschreib.

Goethe ohne Luther? Nietzsche ohne Luther? Marx ohne Luther? Nix! Sogar Adenauer musste seinen rheinischen Dialekt, wie Franz Josef seinen bairischen, herunterdimmen.

Da steht er und kann nicht anders. Ob er vor dem Kaiser steht oder vor der Bora.

Doch es ist nur ein Fotograf, der ihn festhält und mitnimmt. Das gilt dem großen Manne gleich: er posiert für die wahre Lehre, er öffnet sich medialen Bedürfnissen.

Luther hat seine Bibel-Übersetzung dem Teufel abgerungen, heißt es. Der Teufel gibt jedoch angeblich nie auf. Er hätte gern dem Herrn Luther ein Ohr abgebissen oder ihm noch viel Schlimmeres angetan. Aber Luther war ein harter Bursche. Hätte es damals schon den Wilden Westen gegeben, wer weiß! Er hätte in den Saloons gepredigt und eine Blondierte der Prostitution entheiratet.

Dass dem Papst auf einmal so hübsche Namen gegeben wurden, das hat dem Teufel ja noch gefallen. Aber dann: diese zigtausendjährige Scharteke noch einmal in moderner Fassung den Leuten vor die Nase setzen, um sie mit ihrer Hilfe weiterhin einzulullen – das war zu viel für den Sohn der Hölle (der in Wahrheit ein Sohn des Himmels war). Der weise Kurfürst hatte Bodyguards engagiert, die mit Kreuzen – einer weiterhin neutralen Waffe – ausgerüstet waren. Der Teufel musste passen. Die hohe Kunst der Versuchung versagte. Und eine Wüste wie in Arizona oder New Mexiko gab es auch nicht mitten im Heiligen Römischen Reich.

Gott hielt sich da raus. Luzifer, Schlangenlist, Freiheit des Christenmenschen, davon hatte er genug. Bartholomäusnacht, Dreißigjähriger Krieg oder Ketzerverfolgung werden ihm daraufhin nicht unbedingt gefallen haben. Dem Teufel schon.

Ach, dieser Teufel. Heutzutage glaubt niemand mehr an ihn. Im Fasching hat er noch Auftritte, selbst als Metapher kommt er selten vor. Ein gehörnter Ehemann – passé – selber schuld. Luther mit Hörnern wie Moses, wie der Stier, der Europa bezirzte? Hören Sie auf! Der Fotograf ist ein geschichtsbewusster Tourist, kein verkappter Teufel.

Ich meine dagegen: doch! Könnte sein. Die Medien als Verführer? Auf meinem Foto: ja.

Aber Luther lagen die Medien zu Füßen: Pamphlete, sogenannte Flugschriften in fetten Lettern, manche sogar mit Abbildungen: der Papst als Sau, Succubus oder Saugegel. Wenn einer lesen konnte, standen sofort zwanzig, fünfzig Leute um ihn herum, begierig zuzuhören.

News und fake news. Damals wie heute machten die wenigsten einen Unterschied.



© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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