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einhorn insel der seligen

Stochern im Blau


Ich lebe im letzten Zeitalter der Vernunft. Eine Schere hat sich aufgetan, zwischen ihren Schenkeln öffnet sich das hinter der blauen Farbe der Ewigkeit getarnte Nichts. Die Schere wird nie mehr etwas schneiden, sie wird sich weiter und weiter spreizen, über den Spagat hinaus, bis sie aus dem Blickfeld verschwindet.

Wie das Blau des Raums ist auch das Holz des Baums trügerisch. Er windet und krümmt sich, das hat nichts Beunruhigendes. Er verzweigt sich in kleine und kleinere Äste, aus denen Blätter und Blüten wachsen (werden). Ich bin Natur, raunt er, bin schlafendes Leben. Gut so. Im Irrtum erträgt sich das meiste besser.

Ein Baum kann keine Schere sein.

Die Blätter, die Blüten sind vom vergangenen Jahr, von allen vergangenen Jahren; vertrocknet sind sie, beständig nur in Erstarrung. Wie ein Blau ohne Wolken, ohne Vögel, ohne Fliegen, ohne Pollen, ohne Kondensstreifen; wie ein Blau ohne Nacht und Tag.

Ich weiß nicht, was alles geschehen ist. Ich weiß nicht, was alles geschehen wird.

Eine Schere ist kein Baum.

Ihre Schnitte haben das Sichtbare zerlegt, das Zerstreute geordnet. Es gab Gleichheit, Verschiedenheit, Rangfolge, Reihenfolge, all dies.

Das eine und das andere: Yang und Yin sind getrennte Welten. Aber eines kann nicht leben ohne das andere. Sie müssen sich berühren wie Liebende. Wer einen Keil zwischen sie treibt, schneidet ihren Lebensfaden ab. Auch dann, wenn dieser Keil vorgeblich aus Luft, scheinbar aus Himmel besteht.

Was grüble ich herum. Meine Vernunft reicht ja nicht aus, um ihr Ende zu beschreiben: Wenn die dürren Äste brechen und fallen, wenn Empathie und Spiel sich dem Verschwinden nähern, werden wir uns endgültig und ausschließlich auf die Maschinen verlassen, dafür haben wir sie ja erfunden, wir werden auf ihnen unsere Wünsche für die Zukunft bauen, und sie werden auf uns ihre Zukunft gründen. Holz wird dann Metall sein. Die Schenkel der Schere werden exakt bestimmbare Winkel bilden, deren Veränderung sich in Wahrscheinlichkeitsrechnung und Grenzwertbestimmung einfangen lässt.

Über Bäume wird man die Achseln zucken.

Es wird keine Wäsche mehr geben, aus der ich dumm herausgucken kann.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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