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einhorn insel der seligen

Der Gleichmütige



Der Esel guckt nicht doof.

Er sieht, was er sieht. Und was er sieht, ist weder begeisternd noch beunruhigend. Seine tagtägliche Welt. Wobei er die Tage nicht zählt. Er ist nicht wie wir.

Ins Freie ist er getreten. Er brauchte frische Luft. Wen wundert’s? In der dunklen Höhle ist es eng, nachts erwachen die Fledermäuse und schwirren aus auf Nahrungssuche. Ihren Kot lassen sie fallen. Jeden Abend muss der Esel sich zuverlässige Deckung unter einem Felsvorsprung suchen. Esel legen großen Wert auf Sauberkeit. Sich zu wälzen im Gras bringt nicht immer gute Ergebnisse. Zum Glück trocknet die Chose auf dem Höhlenboden rasch.

Der Esel ist nicht bedürftig. Der Bach ist nicht weit. Und zu rupfen gibt es rundum genug. Da stört ihn kein Artgenosse, da lenkt ihn keine hüftwackelnde Eseline ab. Er ist allein. Heu hätte er allerdings lieber. Das gab es in seinem alten Quartier, wo er aufgewachsen ist. Aber das ist lange her. Da weidete einen verbitterter Esel-Greis an seiner Seite, ein Zänker, der sich ihm gegenüber so manches herausnahm und leider auch mit 1a Technik ausschlagen konnte. Da ist er gegangen.

Er ist nicht immer zufrieden damit, dass er ein Einsiedler ist. Leute, die vorbeikommen, empfinden oft Mitleid mit ihm, sie füttern ihn sogar und wissen, wie sehr er Äpfel schätzt.

Sein Leben im Maul ist ja tatsächlich eine Attraktion. Vor dem offenen Schlund bleiben manche kurz stehen, aber es ist nichts Besonderes, nur eine gestalterische Laune. Wenn dagegen, so wie jetzt, ein Esel aus der Dunkelheit heraustritt ins Licht, dann beginnt die Phantasie zu arbeiten. Auf einer Zunge zu stehen und nicht zu balancieren ist nicht einfach. Da fließt ja glitschiger Speichel. Dazu die Zähne - ein Fallgitter mit tödlichen Spitzen. Und diesem Esel ist das völlig egal!?

Natürlich gibt es kein funktionierendes Unterkiefer, das Auge ist unfehlbar ein Glasauge und die Haut stellt ein Felsgebilde dar mit parallel verlaufenden Rillen, uralten Spuren von Gletschern, worauf Urmenschen Petroglyphen hinterlassen haben. Dann tuscheln die Leute eine Zeitlang, bevor sie versuchen, Kontakt zu diesem Unikat von Höhlenbewohner aufzunehmen. Der Esel lässt es sich eine Zeitlang gefallen, sogar Streicheln erlaubt er manchmal, dann zieht er sich zurück, wohin sich niemand traut, ihm zu folgen. Denn die Höhle senkt sich gleich hinter der Öffnung tiefer und tiefer.

Letztlich ist dieser Esel eine Art Sonny Boy, auch ohne Strohhut und Sonnenbrille. Er steht in der Öffentlichkeit, wann immer er will, lässt sich fotografieren und filmen. Manchmal erhebt er seine unglaubliche Stimme - reine Show. Was ihm noch fehlt? Ein Name! Kein lächerlicher Spitzname selbstverständlich. Ein Name, der Gelassenheit, Selbstsicherheit, ein Über-den-Dingen-Stehen ausstrahlt.

Hätten Sie eine Idee?

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