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einhorn insel der seligen

Badstüber


Es ist schwülwarm. Dampf wabert.

Die Fässer sind gerade groß genug für zwei Personen. Ein Badknecht (respektive eine Badmagd an Frauentagen) ist zuständig für jedes Fass. Kräftig müssen sie sein, denn den meisten Gästen muss man helfen - hinein und vor allem wieder heraus.

Hinein geht es über einen Hocker einigermaßen einfach. Der Besucher muss entweder, einen Fuß am Fassrand abstützend, den Rest des Körpers über diesen schwingen, nur darf der Schwung nicht zu groß sein. Dabei ergibt es ein lustiges Überschwappen des Wassers mit heftigem Gespritze, weshalb die jüngeren Gäste diese Methode bevorzugen. Achtung! Blaue Flecken kann es geben, wenn sich schon eine zweite Person im Fass befindet. Die Älteren setzen sich auf den Fassrand und heben dann, gestützt vom Badknecht, ihre Beine über die Reling (wie ein Matrose dies einmal genannt hat), wobei es oft zu Auf- und Abschürfungen am Sitzfleisch kommt. Viele Gäste, besonders Stammgäste, lassen sich deswegen ein Polster unterlegen, das die Anstalt gegen Entgelt verwahrt.

Der umgekehrte Weg ist schwieriger. Der Badende lässt sich vom Helfer in den Sitz auf dem Fassrand heben bzw. ziehen (dazu müssen ab einem gewissen Gewicht des Gastes ein oder mehrere Kollegen mitbemüht werden), wonach man sich auf den Hocker oder direkt auf den Boden niedergleiten lässt. Eine sportlichere Methode gibt es nicht. Die entsprechende Leibesübung wäre die sogenannte Fechterflanke, doch es fehlt der Raum für die Ausholbewegung. Hier gönnen sich die meisten ein Polster, auch die Jüngeren.

Gebadet wird stets nackt. Beim Personal trägt man Sorge, wenigstens das Geschlecht zu bedecken.

Der Bader selbst geht in einem anliegenden Raum seinen Tätigkeiten nach (Hautpflege, Rasur, Gebissreparaturen usw.). Dort ist es weniger heiß, und er kann normal bekleidet arbeiten, ohne als nackter Chef um das Prestige seines Etablissements fürchten zu müssen.

In der eigentlichen Badstube ist es dagegen heiß genug, dass nahe am Feuer auch Schwitzkuren durchgeführt werden können.

In den Fässern werden auch Massagen, Haarreinigung und Haarstriegeln durchgeführt.

Zahlt man den Billigtarif, muss, wenn Vollbelegung herrscht, eine zweite Person im Fass akzeptiert werden. Ist der eigene Körperumfang zu bedeutend und damit die Unterbringung eines zweiten Fassinsassen nicht möglich, wird ein Zusatzbetrag erhoben, der auch durch die stärkere Belastung des Personals gerechtfertigt ist.

In den höheren Tarifklassen kann man sich Fass, Personal und sogar den Partner aussuchen. Rechtzeitige Reservierung wird empfohlen.

Im Allgemeinen hält man auf strikte Trennung der Geschlechter. Doch wie überall kann man auch im Badegewerbe sich mit gut dosiertem Bakschisch Sonderwünsche erfüllen lassen. Dies ist nicht ohne Tücke, denn Mutter Kirche schleust immer wieder verdeckte Beobachter (Altministranten oder Anwärter auf eine niedere Weihe) in den Badbetrieb ein. Diese sind ihrerseits bestechlich.

Da die Badstuben in den Gemeinden sehr beliebt sind, als Orte, wo man nicht nur badet, sondern auf Wunsch auch ans Fass Burger und Bier serviert bekommt, wo man sich trifft, sich unterhält und sogar Geschäfte abwickelt (vergleichbar mit den offenen Latrinen des Altertums), drücken die Behörden in Fällen, wo sie eigentlich hätten eingreifen müssen, oft ein Auge zu. Höhere Beamte und Räte oder gar den Bürgermeister deswegen zu exkommunizieren scheut sich wiederum die Kirche - in Sorge um die dann unregelmäßiger fließenden Abgaben.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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