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einhorn insel der seligen

Blässe


So wie ich aussehe, sehe ich wirklich aus. Kein Computerprogramm hat mich bearbeitet.

Ich hänge am Unterstand für Einkaufswagen vor einem Supermarkt. Ich schaue auf einen Parkplatz, für den man neuerdings eine Parkscheibe benötigt – obwohl ich ihn noch nie besetzt gesehen habe.

Über solche Nickligkeiten sieht mein Alter natürlich hinweg.

Der Supermarkt ist klein, sein Angebot beschränkt. Das Stammpublikum ist studentisch geprägt, es sind Leute, die nicht viel Geld ausgeben können für opulente Fressorgien.

So war es immer schon. Ich, die Ananas, habe es genauso überdauert wie das Geschäft, für das ich werbe, besser gesagt, warb. Klingt beinahe heldisch.

Ist heldisch. Sonne, Wind und Regen habe ich getrotzt, von Sturm, Hagel und Schnee zu schweigen. Bin bleich geworden und immer bleicher. Darauf kam es nicht an.

Niemand hat mich beachtet, niemand hat mich betrachtet.

Damals, kann sein, damals ja, bestimmt sogar, als jemand die Idee hatte, mich hier aufzuhängen.

Eine Ananas war vorzeiten etwas Besonderes. Genau wie Kiwis. Südländisches Obst für jedermann. Das war reklameträchtig.

(Wäre es möglich, dass ich tatsächlich so alt bin? - Als hätte mich jemand aus Jux abmontiert von einer sozialistischen Kaufhalle und heimlich hier aufgemacht)

Es gibt einen Künstler mit klangvollem Namen, den ich leider vergessen habe (aber Sie erinnern sich bestimmt), der sehr sparsame Bilder malte (sie bestanden oft nur aus reiner Farbe) und sie dann mit einem Küchenmesser aufschlitzte. Derlei Kokolores will ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Ich habe vergessen, wer oder was mich gelöchert hat. Manche Dinge darf man nicht im Gedächtnis behalten.

(Eher kein Messer. Vielleicht lausbübische Steine)

Immerhin verdecke ich noch zuverlässig die Einkaufswagen hinter mir. Die sind noch hässlicher als ich, diese Gitterschieberdinger. Klirren und quietschen.

Ich stehe für Qualität, das kann jeder lesen. Darauf kommt’s an, im Alter wie in der Jugend. Man darf es nur nicht ausposaunen, da geht die Glaubwürdigkeit verloren.

Was wird sein, wenn die Blässe fortschreitet?

Schon jetzt kann man die Kiwi kaum, die anderen Kollegen, die mich einrahmen, nicht mehr gut erkennen. Südfrüchte?

(Der komische Typ mit den hängenden Schultern, der mich geknipst hat, auf den zumindest habe ich gewirkt. Und das Foto wird nicht blässer werden, als ich jetzt bin. Da kann ich ruhig in die Zukunft blicken)