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einhorn insel der seligen

Flüchtiges Glück


Er hält sich für einen Engel. Immer noch.

In einem lichten Augenblick hat er angedockt an einem Rebstock und seinen Schwanz darum geringelt. Er findet es beruhigend, wenn sein Hinterkopf den Stamm der Pflanze berührt.

Er ist ein ehrlicher Säufer geworden. Obgleich man sagt, dass Säufertum sich nur aus Bier- und/oder Schnapskonsum ableite. Wer in diesem Raum sitzt oder kniet, kennt bestimmt das schöne Wort Dimpfl.

Immer in seinem Leben hat er alle Sachen ernsthaft betrieben. Nun trinkt er eben regelmäßig und lauscht den sonntäglichen Gesängen und den sporadischen Konzerten. Dabei bildet er sich fort. Da schlägt nicht nur seine Stirn Falten, sondern der gesamte Kopf.

Dass er diesen Schwanz besitzt, dazu Krallen an den Zehen und Fledermausflügel, irritiert ihn nicht. Luzifer war gleichfalls ein Engel, das schon. Aber der sitzt in der Hölle, er aber hockt hier unter Weintrauben und genießt manchmal Musik.

Sicher, er hat sich verändert. Er fragt sich oft, wo seine Arme geblieben sind. Er kann mangels Finger kein zünftiges Weinglas halten, aber mit seinen Stümpfen kann er den Becher umschlingen, der hinter ihm verborgen steht, und sich das köstliche Getränk einverleiben.

Das sind Vorgänge, die mit dem Altern zu tun haben müssen, sagt er sich. Selten reiht sich daran ein anderer Gedanke: alte Engel gibt es eigentlich nicht. Er hat jedenfalls nie einen gesehen. Es ist wohl seiner Mission geschuldet, die eine ganz besondere sein muss.

Engel kennen den Focus ihrer Mission erst kurz, bevor sie ans Ziel gelangt, mit dem letzten Befehl direkt von der Zentrale. Vorher kann lange Zeit kein Zwischenkommando erfolgen. Der Engel muss ausharren. Das ist wesentlicher Teil des Diensts. Schließlich kann die Zentrale nicht alles gleichzeitig erledigen. Es ist von Allgegenwart die Rede, aber nicht von Multitasking .

Es soll vorgekommen sein, dass Engel verstoßen, ohne weitere Erklärung ihrem Schicksal überlassen wurden. Aber das sind natürlich nur Gerüchte, vermutlich verbreitet von denen da unten.

Der letzte Befehl, an den er sich erinnert, hieß: Sankt Kastulus. Den hat er befolgt, und nun ist er hier, auf Abruf.

Gut, die Sache mit dem Weintrinken, die hat sich eher zufällig ergeben. Es gab hier eine diskrete Feier unter jungen Leuten, sogenannten Ministranten, wobei Wein konsumiert wurde, man sprach von Messwein. Einige Gläser blieben übrig, halb leer. Er probierte. Und fand Gefallen.

Eine Ministrantin hatte ihn beobachtet. Ihr war sofort seine Besonderheit aufgefallen, an einen Engel hatte sie nicht gedacht. Sie kamen ins Gespräch. Mochten sich auf Anhieb. Und der Messwein von Sankt Kastulus war wirklich ausgezeichnet.

Irgendwie schade, dass Engel asexuelle Wesen sind. Aber das Mädchen störte es nicht, sie war noch sehr jung, und auch für sie gab es ein schönes Wort: Dirndl.

Nein, er ist kein Dimpfl. An einem Dimpfl hätte kein Dirndl jemals Gefallen gefunden.

Der Engel erzählt seinem Dirndl Geschichten. Von Reisen durch den Kosmos auf früheren Missionen. Natürlich ist Diskretion geboten. Vieles, was er erlebt hat, ist top secret. Aber er passt auf.

Dem Dirndl gefällt’s. Sie glaubt ihm zwar kein Wort, aber es amüsiert sie, solche Stories serviert zu bekommen. Zum Dank versorgt sie ihn mit Wein. Dass er sie nie um Essen bittet und immer in dieser Kirche bleiben will, wundert sie zwar, aber auf den Trichter, dass sie es mit einem Engel zu tun hat, kommt sie nicht.

Dagegen bemerkt sie sehr bald, wie rasch dieser komische Kerl altert. Die Haare sind ihm längst ausgegangen, bucklig kommt er daher. Seine Hände hat er oft versteckt in einer Art Muff. Die müden Augen haben Tränensäcke im Gepäck und die Zähne, die er gerne zeigt, sind wacklig, man merkt es beim Sprechen. Er beginnt zu nuscheln. Die welken Lippen haben an Beweglichkeit verloren. Von der Decke über seinem Rücken, die so seltsame Rippen aufweist, trennt er sich auch im Sommer nicht.

Sie wundert sich auch nicht besonders, dass er bei Gottesdiensten oder Konzerten nie zu sehen ist, obwohl er ihr von seinem Musikgenuss stets brühwarm berichtet.

Auch dass er stets ganz ungewöhnliche Schuhe trägt, fällt ihr nicht auf. Sie ist ja auch nicht verliebt in ihn, Gott bewahre. Aber er ist etwas, was nur ihr gehört, was weder der Herr Pfarrer, noch der Herr Kooperator, noch ihre depperten Kollegen Ministranten wahrnehmen. Dieses kleine oder große Privileg macht sie an, und Wein aus der Sakristei aufzutreiben fällt ihr nicht schwer.

Eines Tages zieht das Dirndl mit seiner Familie weg. Nandlstadt sagt sie treuherzig. Und kommt nie wieder.

Das bedeutet Entzug. Und leider geht es dabei Engeln nicht viel anders als Menschen.

Ist das eine Strafe? Wofür? Die Zentrale nimmt keine Rückrufe an, das weiß er. Oder hat er doch schon vorher Fehler gemacht? Hat er die Ausführungsbestimmungen oberflächlich gelesen? Sich verplappert? Er kann es nicht ausschließen.

Er trocknet aus. Er verholzt. So haben wenigstens die da unten keinen Zugriff auf ihn.



© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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