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einhorn insel der seligen

Der andere Wächter


Er bewacht eine Tür. Die Tür führt zu einem heiligen Raum. Dunkel ist es drinnen, es darf nur gemurmelt werden. Oft ist es still. Die Menschen bemühen sich, lautlos die Position zu wechseln: Stehen, Knien, Sitzen. Letzteres selten. Das Heilige, das Fluidum dieses Raums, verlangt Disziplin und Konzentration.

Auch von ihm, dem Wachmann, der die Eintretenden mit einem Kopfnicken begrüßt und die, die herauskommen, mit einer Geste, die einem flüchtigen Segen gleicht, verabschiedet.

Selten verwehrt er einer Person den Eintritt. Das erfolgt stets ohne Begründung, denn Provokateure und Ketzer erkennt er sofort an ihren irren Augen. Wird der Zurückgewiesene renitent, kommt die Hellebarde zum Einsatz. Ihr Stiel legt sich vor die Tür wie ein Gatter. Die Bewegung ist einstudiert, erfolgt blitzschnell und macht normalerweise großen Eindruck, so dass der falsche Andachtsucher ohne weiteres Tamtam zurückweicht und verschwindet.

Es kommt selten vor, dass die unerwünschte Person nach dem Stiel greift, um dem Wächter die Waffe zu entwinden. Dann ist die kritische Situation erreicht, in der es zu einem Kampf kommen muss.

Wahrscheinlich unterschätzt der Eindringling dabei seinen Gegner. Der Wachmann trägt dicke Kleidung mit orientalischem Gepräge durch Quasten, Stulpen und Rüschen. Sein Gesicht ist rot angelaufen, Aufregung scheint sich in ihm zu spiegeln. Die Kopfbedeckung ist ein Witz mit Federn. Seine altmodische Waffe verlangt bei ihrer Handhabung Geschick und Kraft, die man dem steif Dastehenden kaum zutrauen will – und dies, obwohl die Sperrung der Tür durch den Hellebardenstiel bereits eine Perfektion der Bewegung voraussetzte.

Der Wachmann muss nun seine Waffe einen Augenblick lang loslassen. Denn da betätigt seine eine Hand einen verborgenen Mechanismus, der die Tür zum Andachtsraum zufallen lässt, während die andere Hand etwaige Herumstehende auffordert, zurückzuweichen. So soll verhindert werden, dass Unbeteiligte gefährdet werden.

Hat sein Gegner die Gelegenheit genutzt und seinerseits die Waffe ergriffen, ist die ganze Tapferkeit des Wachmanns gefordert. Er muss dem Beil ausweichen und seinen Kontrahenten mit bloßen Händen kampfunfähig machen, um weitere Hiebe zu vermeiden. Wenn dieser die Hellebarde zum Schlag führt, muss er weit ausholen und in dem Moment, in dem die Waffe senkrecht über seinem Kopf steht, sie mit aller Wucht niedersausen lassen. Das kostet Kraft und Zeit, die der Wachmann sehr oft nutzen kann, um den Gegner am Hals, an der Nase, an den Ohren, ja an den Haaren zu fassen und ihm auf diese Weise die Orientierung zu nehmen.

Trotzdem trifft die Waffe manchmal den Körper des Wachmanns. Dann fließt regelmäßig Blut, trotz der Polsterung durch die Kleidung und den unter der Mütze getarnten Helm. Die zuschlagende Tür hat weiteres Wachpersonal alarmiert, das herbeieilt, sich um den eventuell verletzten Wachmann kümmert und den Eindringling abführt.

Gleichzeitig setzt im Sakralraum ein lautes Litaneibeten ein, das erst endet, wenn die Tür sich wieder öffnet.


Seit Jahren fordert die Gewerkschaft der Wachleute einen Schließmechanismus der Tür, den ein zum Kampf gezwungener Wachmann mit dem Hintern statt mit der Hand bedienen könnte.