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einhorn insel der seligen

Nadelballett


Wir haben die Bühne bestiegen. Wir haben uns im Raum verteilt. Nun beginnen wir zu tanzen. Vor deinen Augen und nur für dich. Denn es kann sehr wohl sein, dass deine Begleitung sich heimlich an die Stirn tippt, wenn du versuchst, ihr zu schildern, was du zu sehen glaubst.


Optische Täuschung! Mehr wird sie nicht sagen und dich grummelnd auffordern, endlich weiter zu gehen. Für einen Augenblick kannst du sie noch vertrösten.


Beständig ist Unruhe im Wald. Licht sucht sich seine Wege durch ein Gewirr von Holz und Laub bis zum Boden. Bis zu diesem Strunk. Ohne den Strunk gäbe es keinen Tanz. Deswegen malt ihm das Licht ein wechselndes Mienenspiel. Der tote Rest eines mächtigen Baums hat ein Gesicht bekommen.


Der Wind ist es nicht, der uns Tänzer beflügelt. Er ist heute schwach und erreicht uns hier unten nicht. Es sind die Lichtinseln, die über uns hinstreichen und unablässig ihre Gestalt ändern. So entsteht in deinen Augen die flirrende Illusion eines Balletts. Diese Flecken von Himmelshelle gewinnen ihre Gestalt hoch oben in den schaukelnden Baumwipfeln und dem Stockwerk darunter. Es ist also doch so, dass wir diesen Tanz, der keiner ist, dem Wind verdanken, der tatsächlich, aber ganz woanders, weit von uns und von dir entfernt, etwas in Bewegung bringt.


Deine Begleitung hatte recht.


Wir, Tänzer mit ausdrucksstarken langen Gliedmaßen, wir haben uns so gruppiert, dass du meinst, Bilder zu sehen. So ähnlich wie bei den Sternbildern am nächtlichen Himmel. Was sie dir suggerieren, Wassermann, Widder oder Waage abzubilden, entstammt genauso einer Phantasie wie unsere Tanzfiguren.


Der Wald ist heute, mangels Wind, fast stumm. Und dennoch hörst du leise Musik. Sie kommt aus deiner Erinnerung.


Jetzt hat dich deine Begleitung an der Hand gefasst und zupft daran. Sie versucht, dir in die Augen zu sehen, um dort ein halb resignierendes Kopfschütteln zu platzieren.


Geh nur.


Du kannst ja wiederkommen. An schönen Tagen haben wir stets Programm. Und zwar eines, das beständig wechselt.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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