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einhorn insel der seligen

Ein Pferdekuss


Das Pferd liegt im Sterben, es ist noch nicht tot. Aufstehen wird es nicht mehr, aber es kann noch den Kopf heben. Nur begreifen kann es nicht, dass es als ein tierischer Held oder heldisches Tier sein Leben aushauchen wird für die Sache derer, die hier und jetzt die Schlacht wohl verloren haben, denkt der Herr Schlachtenmaler. Lägen hier, wenn es anders wäre, so viele andere Kadaver? Auch ein Soldat, Reiter oder Fußvolk, gepanzert und noch im Besitz seiner Waffen, ist seinem Schicksal nicht entkommen.

Der Gegner hat sich zurückgezogen. Er hat gesiegt. Das genügt ihm vorerst. Geplündert wird morgen. Für die Bergung und Entsorgung der Leichen ist er nicht zuständig.

Pardon, sagte ich eben Schicksal? Ross und Reiter haben ihre Schuldigkeit getan.

Sie durften sich einer Spezialausbildung unterziehen. Dazu wurden sie requiriert. Sie sollten lernen, eine Einheit zu bilden im Kampf. Um größtmögliche Wirkung zu entfalten, nämlich so viele Gegner wie möglich zu töten: die Kriegskunst.

Es ist leichter, ein Pferd zu töten als seinen Reiter. Stürzt das Pferd, stürzt auch der Reiter. Die schwere Rüstung hebt ihn aus dem Sattel, er bricht sich das Genick oder wird zertrampelt.

Ohne Waffen kann man Ross und Reiter kampfunfähig machen, wenn es gelingt, sie ins Meer abzudrängen. Die Hufe finden rasch keinen Grund mehr. Das Eisen zieht den Reiter in die Tiefe, das Ross wird hinausgetrieben, beide ertrinken.

Pferde können sich gegenseitig nicht töten. Wäre es absurd zu denken, sie würden es wollen?

Können Pferde gar Kameraden sein – wie ihre Reiter? Und spielt es dabei eine Rolle, ob beide Tiere in der Schlacht Verbündete waren - oder Gegner?

Tote Soldaten schaffen es manchmal, mit ihrem Namen ein Kriegerdenkmal zu zieren. Tote Pferde karrt man zum Abdecker. Egal, woran sie verendet sind.

All das hat dem Herrn Schlachtenmaler nicht gefallen. Er hatte keineswegs den Auftrag, den Abschied eines Pferdes, das überlebt hat, von seinem todgeweihten Kameraden darzustellen. Gefühlsduselei benötige man nicht, wenn das Vaterland in Gefahr sei, wäre ihm gesagt worden, Phantasten wie er zersetzten Mut und Einsatzwille des Heers und sollten sich so schnell wie möglich vom Acker machen. Keine Aufwandsentschädigung, kein Ersatz für Materialkosten oder sonstige Spesen.

Wie wäre sein Gemälde von den Auftraggebern aufgenommen worden, hätte er die beiden Pferde durch Menschen ersetzt, den Kuss durch Tränen? Hätte auch nur eine einzige Kriegerwitwe dieses Bild erwerben wollen?

Egal. Der Herr Schlachtenmaler hat es so gemalt. Er war es sich schuldig.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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