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einhorn insel der seligen

Inwändig


Grüner Gürtel, Falterflügel und fester Stand. Es ist Augentäuschung, wenn es so aussähe, dass ich schwankte. Meine Ballerinas bohren sich in den Sand, meine Untertaninnen und Untertanen weichen zurück. Ich bin die geflügelte Königin, ich schwärme aus, und, wer weiß, ob mein träges Volk mir folgt.

Sie drängen sich um meine Füße, sie herzen und küssen sie. Sollte ich mich ihrer erbarmen?

Manchmal rotten sie sich zusammen, es wellt sich dann unter mir, es bewegt sich wie Dünung. Aber alles gerät wie spielerisch: ein Knöchel entblößt sich, ein Stückchen Schuh wird sichtbar für kurze Zeit.

Ich bin eine Königin ohne König. Mein Hofstaat ist gläsern, mein Volk hat sich verwandelt zu Körnern von Sand. Dieses Handeln, ja meine Existenz selbst ist nicht vorbildhaft. Davor scheuen die Märchenerzähler zurück.

Mein Volk hat sich nicht aus freien Stücken verwandelt – wie denn? Es passte mir nicht mehr in den Kram, ich wollte fliegen, ich brauchte dafür Raum. Es war zu eng geworden hier, unaufhörlich paarten sie sich vor meinen Augen, das Glas beschlug sich, und die Bevölkerung wuchs und wuchs - und degenerierte zugleich. Und ich, die königlose, keusche Königin mittendrin. Man stelle sich das vor! Die Flügelchen für die Katz, die Erscheinung – kaum sichtbar zwischen all diesen durcheinander flirrenden Körpern. Ich musste handeln. Zwar waren die Untertaninnen und Untertanen auch damals wesentlich kleiner als ich – wie hätte ich sonst Königin sein sollen? – jedoch fleißig genug im Fortpflanzen, so dass ich zwischen ihnen zu verschwinden drohte.

Das ist eigentlich die ganze Geschichte.

Das ausschlaggebende magische Wort werde ich nicht preisgeben. Ich habe mir nämlich vorgenommen, es zu vergessen. Ohnehin kann ich nicht sprechen, mein Volk kann nicht einmal knirschen. Aber meine Gedanken fliegen durch alle Welten, seit ich die Flügel wieder bewegen kann.

Ich denke, ich habe recht getan. Mein Volk bestand aus phantasielosen Körpern, die nichts im Sinne trugen, als sich auszubreiten durch Vermehrung. Ich weiß nicht, wie sie darauf kamen. Es ist spannend, Wachstum zu beobachten, doch das Wachsen muss zur rechten Zeit aufhören, es frisst den Raum auf und damit letztlich die Wachsenden selbst.

Nur konsequente Strenge kann sich dem entgegenstellen.

Ich bin gerettet. Sie sind es auch.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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