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einhorn insel der seligen

Veränderungen


Adam und Eva waren nackt und kopflos. Nackt von Anfang an; kopflos nicht.

Am Anfang war das Wort, das sie schuf, ein fingerloses Fingerschnipsen. So wie zugleich auch das Paradies entstand, ein Naturpark, Hortus naturalis conclusus.

Da turnten und tollten sie herum, ritten auf dem Löwen, rutschten am Giraffenhals hinunter, ließen sich von Geiern in die Lüfte tragen. Die Affen wurden neidisch.

Inmitten des Parks wuchs der Baum der Erkenntnis. Er war der größte und schönste – weil halt irgendein Baum am größten und am schönsten sein musste. Da kamen sie oft vorbei und staunten.

Der Baum der Erkenntnis nahm ihnen erst die Köpfe (samt dem bisschen Hirn) weg und bescherte ihnen dann die Scham. Da staunten sie nicht mehr. Da begriffen sie.

So steht es geschrieben. Direkt diktiert von ganz oben. Ohne einen Laut.

Halt. Da war noch eine dritte Figur im Spiel. Eine Schlange? Satan in Person. Er (sie?) tanzte, schlängelte sich um die beiden herum und säuselte ihnen schöne Worte zu, die sie begierig vernahmen.

Nicht gemacht – egal ob aus Fleisch, Holz oder Blech – sollten sie sein, sondern selber Macher wie „der“, der sie machte (oder die Sonne?).

(Sie stellten sich „ihn“ (oder die Sonne?) als ihresgleichen vor. Wie auch sonst?)

Es ging um Macht. Das überzeugte sofort. Das pulsierte im Hirn.

Die Macht war indessen nur Mache. Von Satan eingegeben und vorgetanzt – was hätte sie sonst sein sollen? Aber das Hirn begnügte sich mit wollüstigem Pulsieren.

Da war der Baum verschwunden mitsamt dem Paradies. Satan sowieso. Die ersten Menschen hatten begriffen, was sie nicht kannten. Wen sie nie gesehen hatten, den fürchteten sie nun. So war eine Ordnung hergestellt: Prinzip Angst, Prinzip Scham. Mit dem, was man begriff, konnte man nichts anfangen. Man wollte aber etwas damit anfangen, daher: Prinzip Glaube.

Allgemein: Prinzip Feigenblatt. Satan hatte gewonnen.

Hatte Satan gewonnen? Wie wäre es gewesen ohne seine Machenschaften? Löwenreiten, Giraffenrutschen, Geierflug – das ja. In alle Ewigkeit.

Aber: Bergwandern, Kaiserschmarrn, Sommermärchen, Schäferhunde, Sex … etc. pp. - Fehlanzeige!

Hm.

Baum der Erkenntnis, Satansgesäusel, Vertreibung als Höchststrafe – Ideen eines Schlitzohrs?

Wer weiß?



(Es geht auch anders:)



Bibelauslegungen

Wenn ein bis dato unbekannter, aber sichtlich bedeutender Künstler ein nacktes Paar, ohne auch nur einen Anflug sexuellen Begehrens anzudeuten, nebeneinander postiert, meint er damit sehr wahrscheinlich die Stammeltern: Eva und Adam.

Die kennt jeder, und die passen überall hin, zumal zwischen beiden ein Baum wächst. Am Material (Blech statt Fleisch) wird kein Kunstkenner Anstoß nehmen.

Auch das Feigenblatt fehlt nicht. Gott hat es ersetzt durch ein anderes Gewächs, fleißiger blühend als das Lieschen, fruchtbar und vermehrungsfreudig. Übertöpfe in leuchtenden Farben mag man vermissen. Aber schließlich haben die beiden gesündigt.

Später sollten sich auch unsere Stammeltern fleißig und fruchtbar vermehren. Im Augenblick sieht es noch nicht so aus. Noch scheinen sie verwirrt.

Es ist mühsam, den Feigenblatt-Ersatz vor sich her durch die Welt zu tragen. Also bleibt man erst einmal, wo man ist, im Schatten eines Baums (auch wenn es nicht der Baum der Erkenntnis ist) und macht einen Plan.

Dazu gehören Köpfe mit ausreichendem Innenleben, und da gibt es ein Problem. Gott hat sie konfisziert. Adam stufte er als den gefährlicheren – jedenfalls aggressiveren – Denker ein und ersetzte dessen Denktempel durch einen weiteren Vertreter aus der Pflanzenwelt. Die Flora war mangels Bewegung schon immer obrigkeitsgläubiger und gehorsamer als die Fauna und erst recht als der der Fauna äffisch entwachsene Mensch.

So ist es Gott recht.

Für Eva hat Gott nicht einmal einen Ersatz vorgesehen. Denken erwartet er (so wenig wie die Männer, die ihn verehren) nicht von ihr. Kopflos und sich von Bauchentscheidung zu Bauchentscheidung hangelnd (wie manche ihrer Ahnen) wird sie ihr Dasein fristen.

Gott hat seinen Plan also gut abgesichert. Er wird ihn Adam ins Hirn pflanzen, und Adam wird ihn umsetzen, mit und ohne Feigenblatt oder was auch immer vor seinem Markenzeichen grünt und blüht.

Vorübergehend diskutierten Kunsthistoriker, ob hinter Eva noch eine dritte Person (statt einer Nachbildung der Schlange) sich gegen den Stamm des Baumes lehne und eventuell Eva mit erhobener Krallenhand bedrohe. Lilith, der dubiose Geist des Wüstenbaumes und Adams erste Weggefährtin im Paradies könne es sein, begriffen in einer wüsten Hakelei mit Eva, weil beide um Adams Gunst buhlen müssten. Puristen aus Christentum und Judentum haben diese Betrachtungsweise entschieden kritisiert und letztlich verworfen. Sie gebe den Weibern (so wörtlich) ein schlechtes Beispiel.

So führt uns der unbekannte Künstler in die ferne Welt unserer Vorfahren und vertieft in uns christlich-jüdische Grundvorstellungen – die Mütter aller Werte.

Tja; Kain und Abel und all die anderen sind noch nicht geboren …

Und am Ende tritt Lilith erneut auf – und wir werden erkennen (auch ohne Baum), dass dieser Künstler es faustdick hinter den Ohren hatte.



© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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