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einhorn insel der seligen

Grübeln


Schal schmecken sie, die eigenen Finger. Ohne Profil, ohne Rückgrat, weil abgekaut, die Nägel. Der Lack ist ungiftig, wie man mir versichert hat.

Als hätte ich schon gewusst, was kommt.

Nein, ich grüble nicht wegen irgendeinem Kerl. Ist doch meist banal, was da so läuft. Sie kommen und sie bleiben nicht. Dann kommt der nächste.

Es ist diese Tapete, in der ich stecke. Sie kratzt. Meine Haut leistet Widerstand. Aber es nützt nichts.

Das Design ist interessant – fast hübsch - aber wie sie mich zugerichtet hat!

Es ist nicht nur das Hirn, das grübelt. Der ganze Körper gerät in Bewegung und kommt immer mehr in Fahrt. Die Mimik spielt verrückt.

Ich stecke fest. Ich will hier raus. Nur: wohin?

Sie haben das eingeklemmte Papierkügelchen bemerkt und die Spuren von Klebstoff. Und die Glätte, die Gnadenlosigkeit der Oberfläche. Will ich da hin?

Nein. Da bin ich schon. Davon komme ich nicht weg.

Etwas in mir behauptet: das passt nicht zu dir: Grübeln und gleichzeitig ausgestellt sein wie auf einer Bühne, wie auf einem Präsentierteller vor all denen, die vorbeigehen und gaffen.

Was ziehst du bloß für einen Flunsch, Mädel? denken sie. Und sie halten es für Getue, für Show.

Ich kann nichts machen, ich muss sie mit hereinnehmen in meine Grübeleien. Sie haben keine Ahnung von dem, was in mir vorgeht.

Oberfläche sind auch sie, mit weniger anspruchsvollem Design als meine Tapete, mit mehr Falten im Gesicht als ich, und da rede ich gar nicht von Warzen oder Pickeln, von Popeln und hängenden Mundwinkeln oder von einem Schmiss neben einer beim Rasieren übersehenen Stoppel ...

Halt. Grundregel beim Grübeln: keine Vergleiche. Zurück zu mir.

Ich bin zerrissen von – der Wind, das himmlische Kind – nein, von Narrenhänden. Der Wind hat vielleicht an einer Ecke eine verpfuschte Klebung gelockert und zuletzt gelöst, da bekommen manche Sadisten Lust, daran zu zupfen. Danach gibt es kein Halten mehr. Manche sagen, während sie genüsslich zupfen, ich sei von andersartigen Narrenhänden hier befestigt worden, auf dieser unsäglich leeren und hässlichen Oberfläche, aber kaum jemand erkennt an, dass diese Oberfläche dank meiner Wenigkeit keineswegs mehr so grässlich nichtssagend aussieht wie zuvor, ohne mich.

Sogar jetzt noch.

Wer ein Gesicht wie meines so entstellt, der wird bei anderer Gelegenheit jemandem ohne Weiteres den Bauch aufschlitzen, denken Sie nicht?


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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