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einhorn insel der seligen

Singularität


Bei Anbruch der Dämmerung müssen sie – soll man sie Wesen nennen? - verschwunden sein. Sie lösen sich dann auf zu fadenartigen Strukturen, die sich am Ende des Tages langsam wieder zusammensetzen. Der Sinn dieser nur selten und äußerst undeutlich sichtbaren Vorgänge ist unbekannt, d.h. die parapsychologische Wissenschaft befindet sich darüber in erbittertem Streit, der zahlreiche europäische Lehrstühle erschüttert.


Bei dieser Verwandlung von Etwas in Nichts und umgekehrt scheint es manchmal Störungen zu geben. Der Prozess kommt nicht in Gang oder stockt, und es bleibt etwas zurück, was man versucht wäre, als Singularität zu bezeichnen, würde der Begriff nicht schon von der Astrophysik für sich beansprucht.


Wie im vorliegenden Fall kommt es vor, dass die Fotografie etwas festhalten kann, was das menschliche Auge nicht zu erfassen vermag. Natürlich ist streng darauf zu achten, dass keine Fotomontage, d.h. ein Betrug, vorliegt, wie etwa im Falle Loch Ness oder den Berichten über Unbekannte Fliegende Objekte.


Augenzeugenberichte liegen also nicht vor. Dagegen wollen Bewohner der umliegenden Dörfer, die tagsüber an der fraglichen Stelle vorbeikamen, seltsame Windverhältnisse oder auffallende Temperaturunterschiede bemerkt haben.


Der Fotograf Candidus Meier, der den Auslöser ungewollt betätigte, weil er im morgendlich nassen Gras ausgeglitten war und, halb schon gestürzt, seine wertvolle Kamera fester fasste, sprach von derartigen Unregelmäßigkeiten nicht. Die Kamera wurde von Fachleuten überprüft, es fand sich kein Hinweis auf einen technischen Defekt.


Als Singularität bezeichnet man in Physik und Astronomie Orte, an denen die Gravitation so stark ist, dass die Krümmung der Raumzeit divergiert, umgangssprachlich also „unendlich“ ist. Das bedeutet, dass an diesen Orten … die Singularität nicht Bestandteil der Raumzeit ist. Physikalische Größen wie die Massendichte … sind dort nicht definiert (wikipedia).


Wenn wir – ohne irgendetwas zu verstehen – versuchen, über die Sprache Parallelen zu dem vorliegenden Ereignis zu finden, so können wir sagen, dass der Rhythmus Tag/Nacht sich hier selbst aufgehoben und in dem Objekt materialisiert hat, als eine unendliche Krümmung der Zeit um sich selbst – unserer subjektiven Zeit, versteht sich. Diese Krümmung beschreibt keine Kurve, sondern ein zackenförmiges Gebilde mit schwer zu beschreibenden, weil jeglicher Kurvendiskussion unzugänglichen Ausstülpungen, die wir spontan geneigt sind, als menschliche Teile zu interpretieren, wenn auch das Ganze nichts Menschliches an sich hat. Dieser Widerspruch erregt uns und macht uns zugleich Angst.

Ebenfalls bei wikipedia find wir Folgendes: Der Begriff Singularität oft synonym für Schwarzes Loch oder in den Urknalltheorien für die Anfangssingularität benutzt.


Wir wissen: Was ein Schwarzes Loch verschlingt, damit ist’s vorbei, das ist gebongt, das kommt nie wieder. Es bezeichnet also ein absolutes Ende, so wie der Urknall der absoluten Anfang meint.

Wir wissen nicht, wofür die Figur auf der Wiese steht, für Anfang oder für Ende – oder beides? In ihr krümmt sich auch unser Leben vielleicht ins Unendliche, wo wir mit einem Jubelschrei beobachten werden, wie sich Parallelen lustvoll schneiden.


Die deutsche Gesellschaft für Sprache und Dichtung hat einen Wettbewerb ausgelobt. Der überzeugendste Vorschlag, wie das Objekt zu nennen, mit einem schlichten Substantiv zu bezeichnen wäre, soll prämiert werden.


Candidus Meier ist überzeugt, dass ein Kind – wenn es denn sich traut mitzumachen – den Preis erringen wird.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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