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einhorn insel der seligen

Kämpfer


Sicher bist du ein Engel. Ein guter Geist, dieser kleinen Kirche zugeteilt, mit der Aufgabe, den Erbauung und Erlösung suchenden Menschen Trost und Hoffnung zuzusprechen. Du hast nur sehr unscheinbare Flügelchen entwickeln brauchen, mit denen du schwirrend schwebst wie ein Insekt, das uns umsummt und uns die Sorgen nimmt; wie ein Kolibri, der vom Geist der Gläubigen nascht, um uns vor Augen zu führen, dass wir kraft unseres Geistes schon auf Erden am Ewigen Leben teilhaben.

Die Segmente deines kleinen Körpers sind streng getrennt. Das schwache Licht suggeriert, sie wären gar nicht miteinander verbunden. Deine vorderen Gliedmaßen sind stark gebeugt und liegen eng an.

Das verringert den Luftwiderstand.

Doch mich plagen Zweifel.

Sicher bist du kein Engel. Ein Engel mit dieser Visage? Das hält doch kein Lieber Gott aus! Und eben der soll dich geschaffen haben als vollkommenes Geschöpf, als Ideal unser aller, der zum Himmel aufblickenden unvollkommenen Menschen! Diese Wulstlippen! Diese abstehenden Ohren! Auch die Nase ist nicht vom Feinsten.

Nein, das sind keine insektuös gefalteten Engelsgliedmaßen. Stümpfe sind‘s, und ich glaube, ausfahrbare Krallen zu erkennen. Mit Verlaub und schaudernd: du bist eher ein Geschöpf der Hölle. Lebst du nicht zwischen schwarzen Schatten?

Deine Augen sind geöffnet, doch sie können nichts erschauen. Leer sind sie und tot. Der Böse Blick.

Ich wende mich rasch von dir ab.

Da kommt mir ein Gedanke: du bist vielleicht eine Karikatur? Das wäre sehr beruhigend für mein spirituelles Leben. Lassen wir mal die gefallenen Engel beiseite und die anderen, die Hallelujah singen. Sah etwa der Baumeister so aus? Habt ihr nicht viel getuschelt, unter Gesellen, wie ihr ihm seine Grobheiten und Lügen, seine Heimtücke heimzahlen könntet? Hat er euch nicht gnadenlos ausgebeutet?

Ja, so wird es gewesen sein: heimlich habt ihr ihn portraitiert und gar nicht so sehr übertrieben dabei. Nach dem Richtfest habt ihr ein verborgenes Eckchen der Kathedrale ausgewählt und euer Werk dort eingefügt. Wer es entdeckte, hat es den anderen in der Kirche gezeigt. Und alle haben gelacht. Jaja, sagten sie, wirklich! So hat er ausgesehen, der fremde magister operis. Den Honoratioren und Hochgestellten gegenüber, ob Laien und Pfaffen tat er wie ein Engel. Den gemeinen Mann, der schwere Arbeit verrichtete, den hat er geschunden. Manche sagen, er habe sogar Genugtuung kundgetan, dass er seine Leute niemals zur Ruhe kommen ließ. Dauernd trieb er uns an, bis wir niederfielen vor Erschöpfung. Da beschimpfte er uns, es gab Abzüge vom Lohn.

Unsere Kirche ist nicht eingestürzt, aufrecht weist sie zum Firmament. Weithin wird sie bewundert.

Nein, dieser Mann, so hässlich und gemein er war – er stand nicht in Satans Diensten.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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