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einhorn insel der seligen

Händel der Vorzeit


Die Giganten rissen halbe Berge und ganze Wälder aus, legten Feuer und warfen, was sie hochstemmen konnten, hinauf gegen den Himmel. Für diese Aktion hatten sie strategisch wichtige Ausgangspunkte gestürmt und besetzt: Olymp, Parnass und Pelion, aber auch Kaukasus, Ararat, Haimos und Ätna. Das unablässige Geifern Gaias trieb sie vorwärts. Die Göttinmutter wollte nicht zulassen, dass solche Figuren wie Zeus und Konsorten über die Erde herrschten, die nicht mehr ihre Kinder waren.

Doch die Giganten hatten nicht mit der Schwerkraft gerechnet. Diese schickte alles, was sie mit großem Kraftaufwand hochgeschleudert hatten, postwendend wieder zurück. Der Gegenoffensive der raubvogelgleich herabschießenden Götter hielten sie nicht Stand. Zudem waren sie, im Gegensatz zu diesen, dummerweise sterblich. Gaia hatte das Kraut des Ewigen Lebens nicht gefunden und sich gründlich verrechnet. Verbittert verkrümelte sie sich und brachte später - ihre letzte Gemeinheit - ein Ungeheuer zur Welt, das im Olymp Angst und Schrecken verbreiten sollte.

Die meisten Giganten waren im Kampf gefallen – was sage ich: elendig verreckt sind sie. Die olympische Parole war Totaler Krieg gewesen, und alle hatten sich daran gehalten, auch die Götterfrauen, die so wenig Nachsicht walten ließen wie die Männer.

Dennoch waren ein paar Giganten – mehr durch Zufall – übrig geblieben und nun sozusagen Gefangene. Man wollte sie ausquetschen. Man wollte wissen, ob es nicht doch noch irgendwo in der Syrte oder im Taurus Verstecke oder Schlupflöcher von ihresgleichen gebe, denn die müsse man ausräuchern. Keiner von diesen Leugnern der neugöttlichen Autorität dürfe übrig bleiben.

Diese Ankündigungen waren nicht unbedingt geeignet, den Restgiganten die Zunge zu lösen. Man schmiedete sie in Erwartung von Geständnissen bei verschärften Haftbedingungen an den Elbrus im Kaukasus, wo schon Prometheus hing. Der leberfressende Adler konnte nun täglich von einer anderen Leber kosten, was ihm sehr zupass kam. Gerne erfüllte er den Zusatzauftrag, die Angeschmiedeten zu belauschen. Zeus jedoch staunte über das, was der Adler ihm mitteilen konnte.

Die gefangenen Giganten machten nämlich pausenlos Witze. Das Blechband, das sie hoch über einem Abgrund an die Steilwand drückte und dort festhielt, nannten sie Keuschheitsgürtel und spannen dazu Tausende Geschichten. Ihr Lachen dröhnte donnernd über den Pontos Euxinos herüber nach Griechenland und hinauf zu den Himmlischen. Dieser Sicherungsgurt – so nannten sie den Gürtel scherzhaft - drücke sie gegen den Berg und lasse sie mit diesen eins werden. Wollte Zeus gefangene Berge haben? Und was geschähe, wenn sie einen Leistenbruch erlitten oder heftige Blähungen? So ging es in einem fort. Sie trommelten auf das Blech, brüllten wie Stiere und waren mehrmals kurz davor, den Adler im Vorbeiflug mit den Zähnen zu packen.

Prometheus beteiligte sich an solchen Umtrieben nicht. Er wollte mit den Neuen nichts zu schaffen haben. Im Übrigen wusste er nichts von der Gigantomachie und glaubte den Giganten, die ihm später brühwarm davon erzählten, kein Wort. Auch als der Adler – noch hingen sie nicht lange neben ihm – Prometheus sachte ins Ohr kniff und ihm zuflüsterte, er solle die Mitgefangenen an seiner Stelle ausspionieren, dafür würde er künftig nur mehr in deren Lebern picken, wies er ihn brüsk ab. Mit denen habe er nichts am Hut, und seine Leber spüre inzwischen das Picken sowieso nicht mehr. Für Zeus, das sei bekannt, werde er keinen Finger krumm machen. Sprach‘s und spuckte gründlich aus. Der Speichel segelte in einem perfekten Bogen zu Tal.

Prometheus hatte sich nicht die Mühe gemacht, leise zu sprechen, im Gegenteil. Die Giganten, die sich bisher für diesen Mitgefangenen nicht die Bohne interessiert hatten – neben ihren mächtigen, ausladenden Leibern war er nur ein Zwerg und schien ihnen eine absolut unwichtige Beigabe zu ihrer Strafe – sie versuchten nun, Konversation mit ihm zu machen. Da waren sie allerdings an den Falschen geraten. Er schwieg und beantwortete keine ihrer Fragen. Sie hätten ihm das Blaue vom Himmel herunter erzählen können. Vom Himmel, wo Zeus nicht nur die Schwerkraft und dienstbare Adler auf seiner Seite wusste.

Die Giganten sammelten noch mehr Wut in sich an, hatten sie doch damit gerechnet, dass dieser schmächtige Titan ihnen in irgendeiner Weise von Nutzen sein würde. Laut schmähten sie Zeus und seine Truppe, sangen unanständige Lieder, die, da sie den Text nicht beherrschten, stets in einem grollenden Gurgeln endete, worauf sie sich untereinander stritten, was ein mächtiges Geschrei ergab.

Die Tiere des Kaukasus ergriffen panisch die Flucht. Bären, Murmeltiere und Gämsen traten dabei Steinlawinen los und lösten Erdrutsche aus. Auch die einheimischen Kollegen des Adlers verließen die Gegend. Der seit Langem frustrierte Leber-Adler des Zeus ergriff die günstige Gelegenheit und mischte sich unter sie. Er hatte den Lebergeschmack gründlich satt. Tatsächlich schaffte er es bis über den Hindukusch. Dort hatte Zeus nichts mehr zu melden.

Für die Menschen in den Tälern war es wie ein Weckruf. Sie wussten ja nicht, wo sich der Aufenthaltsort des Prometheus befand. Könnte sein im Kaukasus, das hatten sie gehört. Sie drangen in diese wüste und unbewohnte Gegend vor, entdeckten tatsächlich den bewussten Ort, allerdings nur aus großer Ferne, auf die höchsten Berge mussten sie klettern, denn unten blockierten die herabgefallenen Erd- und Gesteinsmassen den Zugang. Sie begannen eine leidenschaftliche Diskussion, wie der Menschenfreund und Feuerdieb zu befreien wäre. Die Sache sprach sich schnell herum. Aus dem Zweistromland brachen die ersten Touristen zum Kaukasus auf.

Dieses Interesse der Barbaren erregte das Missfallen des Obersten der Götter. Neugierige aus Sumer, Assur oder Babylon nahe an Kleinasien, in unmittelbarer Nachbarschaft des Pontos, wo griechische Kaufleute ihre Faktoreien errichtet hatten und den günstigen Göttern fleißig Opfer brachten?

Zeus schickte die Schmiedeknechte Kratos und Bia und seine neun Kureten, die die Abseil- und Bergungsarbeiten übernahmen. Dieselben, die Prometheus dorthin verbracht hatten.

Prometheus hielt während dieser Operation den Mund. So war er sicher, die Fesseln endgültig los zu sein. Zeus hätte wahrscheinlich einen Spezialauftrag für ihn, und er würde sich diesmal fügen. Kein Fressen an seiner Leber mehr. Keine unerträgliche Langeweile mehr. Und diese Lümmel von Giganten hatte er nur schwer ertragen.

Die Giganten sahen nicht einfach ruhig zu. Sie plärrten und jammerten als sie merkten, dass nur der Titan freikommen würde. Ihre Kräfte gingen zu Ende, denn mit dem Adler blieb auch die spärliche Verköstigung aus, die Zeus ihnen zugedacht hatte. Die Riesen waren so dürr geworden, dass Zeus‘ Leute ihm meldeten, sie würden demnächst durch das Blechband rutschen und in die Tiefe stürzen.

Aber es kam anders. Die Oberkörper der Angeschmiedeten kippten nach vorne, als das Bewusstsein sie verließ, und so hingen sie umso fester in ihrer Halterung. Voilà, sagte Zeus. Jetzt bist du dran, Hermes. Wir haben nirgends Verstecke oder Schlupflöcher gefunden. Du bist ein Gott und brauchst keine Schmiede und keine Hilfstruppen, nicht wahr?

In einer Schleife des Flusses Harpasus kamen die Touristen aus dem Süden zum Halten. Man brachte sie unter. Man verpflegte sie. Sie bekamen kolonialgriechischen Wein und Raki. Man erzählte ihnen von Sinnestäuschungen. Man verdiente gut an ihnen.

Nicht alle kehrten wieder um. So entstand eine Siedlung, dann eine Stadt, die später Ani hieß.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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