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einhorn insel der seligen

Böhmen liegt am Meer


Die Sehnsucht, sagt man, ist stärker als das Auge. Überall, wohin deine Phantasie dich führt, kann Gestade sein oder wilde Küste, der Rand einer Welt, ein Ort, wo es nicht weiter zu gehen scheint.

Du sitzt einfach da auf dem kalten Metall und schaust zum Horizont und schaukelst dich. Die Berge sind Riffe, die Täler und Kare sind Buchten und Sunde. Lawinen gehen zu Tal wie Wellen, die sich an Klippen brechen.

So kennst du keine Grenzen. So reist du von Horizont zu Horizont.

Wärst du ein Baum, der dem Winter getrotzt hat, oder ein karges Gebüsch oder gar nackter Fels, dann entstünden dir keine solchen Gedanken. Du verharrtest in völliger Gleichgültigkeit, nur so könntest du deine Existenz bestehen.

Aber du bist anders, bist der Natur entwachsen. Jemand deinesgleichen hat dieses Gestell erfunden, ein anderer hat es gebaut aus toter Materie, wieder andere haben es hier herauf geschleift und abgestellt. Für jetzt. Für dich.

Überall ist das Meer. Überall ist es schon gewesen in vergangenen Jahrmillionen. Dann hat sich sein Grund wieder gehoben und ragt jetzt hoch gegen den Himmel. Er trägt die Spuren der Verwesung längst vergangener Leben: Muschelschalen, Tintenfischpanzer, Abdrücke von Krebsscheren.

Anderswo ist die Erde eingebrochen, die Fluten kamen und füllten die Hohlräume, so dass niemand mehr sehen kann, was dort einmal war.

Ich darf mir ausmalen, was ich sehen will, sagst du. Ich reise durch die Zeit. Ich erfinde die Schönheit neu. Ich spreche über Dinge, die es nicht gibt.

Du bist ein Fremder. Du sitzt auf dieser Bank, die nicht hierher gehört, ein Unding, eine Hässlichkeit, deren du dich schämst. Und doch wippst du hin und wippst du her und freust dich, dass du auf diesem Schiff nicht seekrank wirst, und vor dir entfaltet sich eine unglaubliche Kulisse – die keine Kulisse ist. Du nennst sie Böhmen und weißt: hinter ihr beginnt irgendwo das Meer, das irgendwann alles, was du jetzt siehst, wieder verschlungen haben wird.

Böhmen liegt mitten in deinem Kontinent, deiner Insel zwischen den Ozeanen, auf der du lebst. Unzählige Male müsstest du sterben und wieder geboren werden, um zu erleben, wie der Meerwasserspiegel deine Füße erreicht hätte und die Wellen über dich hinweg schlügen und zuletzt auch dieses Sitzgerüst zum Verschwinden brächten.

Aus der Phantasie führt immer auch ein Weg zurück. Du kannst also jetzt einfach deinen Rucksack aufschnüren, einen Schluck Wasser trinken – das zum Glück kein Salzwasser ist – und deine Jause verzehren – sie besteht nicht aus Algen oder Sandwürmern. Du kannst auf die mächtige Bergkette vor dir schauen, die du nie besteigen wirst – die du nie zu besteigen brauchst, weil deine Phantasie dies an deiner Stelle jederzeit tun kann.

Lass es dir wohl ergehen!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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