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einhorn insel der seligen

Sous les pavés la plage


Fehlen ein paar Steine. Sollten wohl Staatsdienerstirnen treffen.

Dabei wäre es gar nicht in Betracht gekommen, dass sie jemandem wehtun sollten, Zeichen sollten sie setzen: dass man zu Allem entschlossen und so letztlich unbesiegbar sei – Pueblo unido jamás será vencido haben sie damals gegrölt. - Hätten sie aber lediglich Helme und Schilder getroffen, wäre ein Stein geprallt auf dickes Metall, so hätte es Kratzer verursacht, ein paar Kratzer mehr, die hätten kein Aufsehen erregt, hätten nur ein bisschen geklirrt und gescheppert.

Dies hörte man sagen, so ging die Saga.

Lärm hätten die potentiellen Steineschmeißer, ohnehin selber ausreichend veranstaltet, hätten Parolen gebrüllt, um sich Gehör zu verschaffen! Schließlich halten sich diese Leute für demokratisch, ausreichend demokratisch. Man sei doch kein Terrorist, kein Verbrecher! Was allen gehöre, worauf ein jeder trete, Pflastersteine, mache man zu harmlosen Demonstrations-Objekten, so läuft das bei denen im Kopf.

Wenn der Stein zu kurz fliege oder zu weit – In der Nähe gefechtsmäßig gerüsteter Staatsschützer und aufbegehrender Wutbürger habe sich, verdammt nochmal, kein sonstiger Passant aufzuhalten, geschweige denn Frauen und Kinder.

Kollateralschäden ließen sich halt leider grundsätzlich nicht vermeiden, nicht in der Finanzwelt, nicht im Kriege; so auch hier nicht.

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Wenn es aber nun gar keine Demo gegeben hätte?

Wenn Kinder die Pflastersteine gebraucht hätten für ein Spiel (so eine Art Zielwerfen vielleicht?) oder um einen Turm zu bauen, den man am Ende genussvoll wieder umschmeißt?

Kinder schlagen sich nicht die Köpfe ein. Selbst dann nicht, wenn sie mal in eine Demo geraten wären und gesehen hätten, wie einige Bekloppte solche Dinger schmeißen. Nein. Die Kleineren sind viel zu schwach. Und die Größeren – spielen die noch Demonstrant und Schandarm?

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Wichtig ist, dass überhaupt einer auf den Gedanken kommt (und warum nicht schon als Kind, bitteschön?), so einen Stein einfach locker zu rütteln und zu schütteln und – hopp! - wegzunehmen. Dann hält man ihn in der Hand – Mensch, jetzt gehört er dir! Nix mit Festgemauert in der Erden … Das hätten unsere Bonzen nämlich gern: dass wir wie die Pflastersteine wären, formiert in Reih und Glied, geduldig jeden Tritt ertragend.

Neenee!

Schöne Idee: Steine weg, Strand drunter. Um in Ruhe zu dösen oder zu pennen. Salzluft belebt, gibt dem Hirn einen Kick. Plantschen im flachen Wasser oder reiten auf einer Welle. Und Mädels gucken.

Strand? Herrje, das sieht hier nicht manierlich aus. Diese Qualmer lassen ihre Kippen fallen, wie die Schafe ihre Köttel, sie wissen halt nicht, wohin damit. Aber kein weicher, warmer Sand, sondern abstoßende, gestampfte Glätte, Nano-Müll, irgendwie giftig.

Welcher Döskopp ist bloß auf die Idee mit dem Strand gekommen?

Du nimmst den Pflasterstein weg und da ist – ein Loch! Es wird sich langsam mit Nässe und Dreck füllen. Ein paar Leute werden stolpern und mit blauen Flecken nachhause kommen. Geschimpfe wird es geben – nicht nur gegen die Bonzen, die schludern beim Straßenbau, auch gegen unsereins, die solche Steine händeln, nix zu machen.

Loch bedeutet, laut Duden: eine durch Beschädigung, [absichtliche] Einwirkung o. Ä. entstandene offene Stelle, an der die Substanz nicht mehr vorhanden ist.

Die Substanz – das ist der wunde Punkt. Die Substanz, das sollten, das wollten doch wir sein. Salz der Erde.

Wir wollten nicht mehr sein wie diese Steine, wie Sardinen in der Büchse. Im Bus. In der Demo. In den Kategorien. Im Schema F.

Wir sind das Loch. Und die Einwirkung dazu. Mist. Was nu?


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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