Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Wüstes Land


Außer nacktem Gestein ist nichts da. Die Schatten der Wolken schieben sich drüber hin. Manchmal hört man den Wind oder das Geräusch von Wasser, das die Schwerkraft talab zieht. Sonst Schweigen.

Meeresgrund waren sie einst, diese Berge. Dann veränderten gegenläufige Kräfte die Ordnung von Landmasse und Ozean. Das Unterste wurde zuoberst gekehrt. Höhenzüge und einzelne Kuppen wurden aus dem Wasser gehoben, höher und höher. Lavaströme begleiteten sie, suchten sich in heftigen Eruptionen den Weg zur Oberfläche. Höhlen bildeten sich und brachen wieder ein. Gleichzeitig entstanden aus Buchten und Fjorden, die sich ins Land hineinfraßen und es spalteten, neue Meere. Die Erosion begann ihr Werk: Kämme, Grate und Kare, Schluchten und Klammen entstanden.

Die Alpen wachsen noch immer, heißt es.

Wer sich in ihnen bewegt, muss auf der Hut sein. Muren und Geröllstürze werden den Unachtsamen nicht verschonen. Auf seinen Pfaden ist der Wanderer allein. Um ihn die Willkür ungeheurer Kräfte. Ein Wettersturz kann ihn töten. Er ist ein winziger Punkt in einem weiten Raum.

Und doch kommt er voran, setzt Schritt an Schritt, bezwingt alle Gedanken an Gefahr, zügelt seine Ängste, erreicht ein Ziel. Hat überlebt.

Was er mit seinen Blicken ermisst, ist Stein gewordene Zeit. Grübelt er ihr nach, so neigt sie sich über ihn und deckt ihn zu. Ihr Gewicht kann er kaum ertragen, wenn in seiner Phantasie im Zeitraffer die Schichten des dünnen Erdmantels sich überschlagen, sich auftürmen, bevor sie zerspringen und in von ihnen selbst aufgerissenen Abgründen verschwinden, sich vermengen oder sich zermahlen, im aufschießenden Magma eine andere Natur annehmen, nie zur Ruhe kommen. Dazwischen die Wassermassen der Ozeane, gepeitscht von Stürmen zu alles überflutenden Wellen, während Golfe und Haffe austrocknen verdampfen wie Pfützen. Immer wieder wird alles begraben unter Gletschern und Eis, erstarrt zu einer toten Welt.

Immer wieder ein massenhaftes Sterben von Pflanzen und Tieren.

Diese Wände haben alles gesehen und bewahren nichts auf. Von den Fossilien, die in ihnen begraben sind, wissen sie nichts. Blind, taub und stumm, wie sie sind, trotzen sie allem, was auf ihnen zwergenhaft herumkriecht und an ihrer äußersten Schicht gräbt und kratzt, in nutzloser Wissbegier.