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einhorn insel der seligen

Trübe Aussichten


Die Gewalt auf Baustellen nimmt zu. Es kommt zu Übergriffen. Bautafeln und Bekanntmachungen werden beschmiert, überklebt, mit ekligen Flüssigkeiten übergossen.

Ich bin alt, meine Kräfte sind verbraucht. Ich liebe meinen Futtersack. Aber immer noch will ich mit meinen müden Augen sehen, was um mich herum geschieht. Und das ist schlimm genug.

Täglich giften sie sich an, manchmal prügeln sie sich. Es kommt vor, dass sie deswegen extra früher kommen, bevor der Kapo eintrifft. Der Kapo lässt sich oft Zeit. Denn der Bauherr erscheint äußerst selten.

Ohne den Kapo geht nichts. Alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Er ist die Spinne im Netz. Er hat seine Leute unter den Arbeitern, aber Spezis von ihm sitzen auch in der Baubehörde.

Es gab Kapos, die waren von einem Tag auf den anderen verschwunden. Doch das kam selten vor. Du musst schon ein bisschen Grips haben im Kopf und ein Pokerface, damit du es bis zum Kapo bringst.

Baustellen sind keine Sparbüchsen. Es ist üblich, dass sich die Bauzeit ins Aschgraue verlängert, dass die Kosten stets auf das Doppelte und Dreifache steigen. Dass man den Zulieferer wechselt wie das Hemd. Unter der Hand. Mit Bestechung. Der Bauherr hat darauf keinen Einfluss. Geldwäsche konnte bisher nicht bewiesen werden. Wer baut, muss sich auf einiges einstellen.

Wenn die Arbeit mit dem Ende einer Rauferei beginnt, sind die Arbeiter erschöpft, es gibt Pfusch, es gibt Unfälle. Manche Unfälle sind sozusagen eine Verlängerung oder Fortsetzung der Feindseligkeiten. Die Kontrahenten stellen sich Fallen. Der Kapo muss höllisch aufpassen, dass das nicht überhand nimmt. Aber, wie gesagt, er hat seine Leute, die meist das Schlimmste verhindern. Notfalls ruft er eine Brotzeitpause aus, die er stillschweigend verlängert.

Einem Pferd sollte das eigentlich egal sein.

Aber, zugegeben, als ich noch sehr jung war und auf der Koppel herumsprang, war das unter uns Pferden nicht viel anders. Natürlich erwartete man von uns nicht, dass wir etwas bauten. Aber den Hengsten ging es um die Stuten und den Stuten um die Hengste. Da wurde nicht nur heftig ausgekeilt, da kam es auch zu Absprachen und Bündnissen, da schmeichelte man sich beieinander ein, man rempelte und schnitt sich, man vertrug sich oft nur zum Schein. Stets ging es zur Sache, mochten die Knechte auch noch so rasseln mit den Futtertonnen ...

Früher, so habe ich gehört, musste unsereins auch auf Baustellen arbeiten, schwere Karren durch den Dreck ziehen mit Ziegeln oder Bauschutt. Viel Schweiß, viel Staub. Pure Schinderei.

Ich habe Glück gehabt. Genieße hier auf den Wiesen des Bauherrn mein Gnadenbrot. Hab noch nie rackern müssen. Selbst wenn ich geritten wurde, was nicht oft vorkam. Der Bauherr wiegt immerhin geschätzte zwei Zentner zwanzig, schon das Aufsitzen war für ihn ein Problem.

Im Grunde ist es unterhaltsam, diese Wildheit der menschlichen Rasse, diese Rücksichtslosigkeit zu beobachten. Sie sind dem Ideal des Kriegs verfallen, auch und gerade im Kleinen und Kleinsten.

Auf der Baustelle werkeln Albaner und Montenegriner, Deutschrussen und Dunkelhäutige. Der Kapo hat sie so ausgesucht. Er lässt sie sich schlagen, dann kann er Vermittler spielen und bekommt sie unter seine Fuchtel. Ihrer Erschöpfung trägt er Rechnung, seit einer aus Schwäche vom Gerüst gefallen und in den Tod gestürzt ist.

Der Kapo weiß, was Verantwortung bedeutet.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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