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einhorn insel der seligen

Eine Frage der Würde


Kabel verbinden euch mit der Welt.

Mit der Natur verbinden euch Topfpflanzen.

Vorhänge schirmen euch ab von den Gaffern aus dem Haus gegenüber.

Dieses Haus, in dem ihr gelandet seid, ist alt. Doch der Putz bröckelt nur an wenigen Stellen, es gibt kaum Risse, und die sind nur dünn. Die Fassade weist keine Einschusslöcher auf.

Das Haus ist durchaus bewohnbar. Deine Eltern tun manchmal so, als seien sie sogar ein bisschen stolz auf die Stuck-Verzierungen an den Fenstern, obwohl schon Passanten stehen geblieben sind, geguckt und den Kopf geschüttelt haben. Touristen waren das nicht. Hier im Viertel gibt es keine Touristen.

Die Verzierungen wiederholen sich vertikal wie horizontal, das ist bei diesen Häusern so. Du musstest also dein verkabeltes Fenster mit der Pflanze anders kenntlich machen, wenn es jemand von der Straße her suchte, zum Beispiel um dich herunter zu rufen. Kabel und Pflanzen haben viele in deinem Haus. Die Oma schaut oft aus dem Fenster, aber nicht immer. Daher bist du auf diesen Aufkleber gekommen, was übrigens deinen Eltern wenig gefallen hat, der Oma gar nicht: sie hat geschimpft und geschimpft und sich erst nach einer Zeit beruhigt.


Das Kabel ist dir wichtig. Jedes Mal wenn du aus dem Haus gehst, schaust du hinauf, ob es noch zur richtigen Stelle über der Dachtraufe führt. Es ist schon vorgekommen, dass irgendwelche Deppen durchs Dachbodenfester gegriffen und das Kabel gekappt haben.

Die Topfpflanze ist der Oma wichtig, vor allem, seit sie euch den Heimgarten genommen haben, weil dort welche bauen wollten. Gebaut worden ist dann - nicht. Es soll ein Geschachere zwischen verschiedenen Mafia-Gruppen gegeben haben, das vorerst unentschieden ausging. Aber der Heimgarten war weg.

Dir ist die Pflanze so wurscht, wie dir der Heimgarten war. Du warst der Mafia beinahe dankbar. Ohne Heimgarten kein Malochen mehr, kein Graben, Anpflanzen, Gießen, Jäten.

Die Oma dagegen hat es kaum verkraftet damals. Sie hat richtig gekeift und lauthals auf den Präsidenten geschimpft. Wenn das jemand gehört hätte! Na ja, in ihrem Alter wäre es ihr vielleicht nicht mehr direkt an den Kragen gegangen! Trotzdem …


Dich wundert sowieso, dass der Oma völlig egal ist, wer von drüben oder von drunten auf sie glotzt. Wenn da mehrere in einem Fenster lehnen oder auf dem Fußweg zusammenstehen, gibt es sofort ein Getuschel – und nicht nur dann, wenn die Oma im Unterrock ist. Sogar im Winter reißt sie manchmal das Fenster auf, im dicken Mantel, bis der Rest der Familie brüllt: Es ist doch sowieso schon saukalt hier in der Bude, Fenster zu, Oma!

Die sollen sich im nächsten Schlagloch die Haxen brechen! sagt die Oma dann. Oder, wenn es um die gegenüber geht: Rohrbruch wär für die das richtige. Und mal sehen, wie lange es dauert, bis sie nen Klempner kriegen!


Die Oma hat Zeiten erlebt, als der Präsident noch nicht dran war. Du nicht. Du bist vorsichtig. Seit sie mal einen Lehrer direkt aus dem Klassenzimmer heraus abgeführt haben. Mit Handschellen. Klick machten die, klick! Und weg war er.

Maggi ist harmlos, haben dir die Kumpels gesagt. Ist zwar westlich, aber Schweiz, neutral. Kapitalismus schon, aber nicht EU, nicht NATO. Der Präsident soll dort etliche Konten haben. Voll bis zum Rand, haha, das Schwein. Aber eben irgendwie auch clever.


Ich habe meine Würde, sagt die Oma immer wieder - deine Eltern zucken da regelmäßig mit den Achseln - Kein Geld, aber Würde. Und die kann mir niemand nehmen.

Da hast du deine Zweifel. Übrigens weißt du nicht genau, was Würde bedeuten soll. Das kam in Staatsbürgerkunde nicht vor. Irgendetwas, was man nicht sehen kann, nicht an den grauen Haaren und nicht an dem losen Mundwerk deiner Oma. Liegt es an dem, was sie tut? Oder nicht tut?

Andererseits: Dass die dir alles nehmen können, ja, wirklich alles, das weißt du sehr wohl Und nicht nur wegen dieser Handschellen im Klassenzimmer. Es hat solche Fälle in der Nachbarschaft gegeben. Wen die mal abgeholt haben, der kam nicht heil wieder. Oder gar nicht.


Oma denkt vielleicht, es kann ihr egal sein, weil sie ohnehin nicht mehr lange zu leben hat. Ihre Diabetes ist nicht anständig behandelt worden, auch im Spital nicht, dort eigentlich erst recht nicht, behauptet sie. Nun, von Diabetes verstehst du zum Glück nichts, aber ins Spital möchtest du genauso wenig wie sie. Der Typ aus deiner Klasse, dessen Papa dort arbeitet, verbreitet Schauergeschichten, die sein Papa ihm erzählt hat. Der will sich vor allem aufspielen, aber wahrscheinlich ist doch auch was dran.

Er hat auch behauptet, dass Maggi ein Suppenpulver ist, das Diabetes hervorrufen kann. Aber das glaubst du ihm nicht. Im Grunde ist er ein Drecksack. Vielleicht sogar ein Spitzel.

Der Präsident will nämlich wissen, heißt es, was durch die Kabel alles so läuft und dann aus irgendeinem Mund wieder herauskommt.

Gegen Kabel an sich hat er nichts, der Präsident.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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