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einhorn insel der seligen

péter plus haut que son cul


Seltsame Blüten treibt die Liebe. Ein simples Kleidungsstück kann sich in einen Fetisch verwandeln oder einen magischen Ort bezeichnen, wo Dinge geschehen sind, die dein Leben hätten ändern können. Der Fetisch hat, der freien Natur ausgesetzt, rasch die Unmittelbarkeit der Erinnerung verloren, was die sinnliche Wahrnehmung betrifft (Aussehen, Geruch, Geschmack, Temperatur etc.), man wird geneigt sein, einen Fetisch zu bergen und bei sich aufzubewahren; ein Fetisch muss nahe sein, jederzeit erreichbar. Ebenso ist die Theorie fragwürdig, die baumelnde Hose bezeichne einen unvergesslichen Ort, denn es fehlt im Umfeld an Unterholz, an Gebüsch, sprich: an Deckung. Ein gewöhnliches Waldstück mit unebenem, dazu leicht abschüssigem Boden, der mit abgestürztem Astwerk und niedrigem Stachelgesträuch bedeckt ist. Nicht gerade einladend für eine unvergessliche Begebenheit.

Sollte die Vorstellung, diese Hose habe mit Liebe zu tun, ein bizarres Vorurteil sein?

Ein Ablegen derselben aufgrund von nicht mehr kontrollierbaren Verdauungsstörungen scheint - zumindest bei flüchtiger Betrachtung – als Motiv nicht in Frage zu kommen. Hätte der Betroffene die Hose in einem solchen Falle gehisst – d.h. der allgemeinen Aufmerksamkeit quasi aufgezwungen?

Dass die Hose eine Obelix-typische Farbe aufweist, führt ebenso wenig zu einer befriedigenden Erklärung. Gleichzeitig meint der Fußballfreund die argentinischen Nationalfarben (albi-celeste) in ihr zu erkennen. Obelix und Maradona - schlank?

Dass ein Leichtathletik-Anfänger mitten im Wald Stabhochsprung übt und der Ast ihm die ungenügend an der Hüfte haftende Hose vom Leib streift (und gleichzeitig der Stab abbricht, so dass er keinen Zugriff auf seine Beinkleider mehr hat), ist noch unwahrscheinlicher.

Wir sind verwirrt. Nein, diese Hose muss etwas mit Liebe zu tun haben. Das ist eine fixe Idee.

Die Liebe endet immer dann, wenn einer der Partner die Hosen anhat. Dann rutscht dem andren das Herz in die Hose. Er verstummt und trennt sich von Hose samt Herz. Nichts läuft mehr. Alles ist tote Hose. Seine Leidenschaft ging in die Hose und bleibt dort.

Ach! Was für ein sinnloses Jonglieren mit Worten!

In der guten alten Zeit, als die Frauen noch keine Hosen trugen (allenfalls unsichtbare), hätte unser Fund im Wald wenigstens 50% der Bevölkerung von unseren Spekulationen ausschließen können.

Bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass diese Hose tatsächlich gehisst ist. Sie ist nämlich mit einem dünnen Gurtband sorgfältig am Ast befestigt. Das setzt eine sehr große Person als Eigentümer bzw. Hisser voraus. Oder kletterte die Liebste auf die Schultern des Liebsten, um die Hose zu verzurren?

Da schaukelt die Hose in der sanften Zugluft und blickt feixend auf uns hernieder, die wir uns so redlich bemühen, einen Sinn in ihr zu sehen. -

Die Hose ist der Titel eines bürgerlichen Lustspiels von Carl Sternheim. Die Uraufführung dieses Theaterstücks am 15. Februar 1911 löste einen Skandal aus. Die rüde Direktheit und der ätzende Spott gegen den deutschen Spießbürger führten zu einem zeitweiligen Verbot des Stückes (laut wiki).

Theobald und Luise treten auf

Theobald Daß ich nicht närrisch werde!

Luise Tu den Stock fort!

Theobald schlägt sie Geschändet im Maul der Nachbarn, des ganzen Viertels. Frau Maske verliert die Hose!

Luise Au! Ach!

Theobald Auf offener Straße, vor den Augen des Königs sozusagen. Ich, ein einfacher Beamter!

Luise schreiend Genug.

Theobald Ist nicht zu Haus Zeit Bänder zu binden, Knöpfe zu knöpfen? Unmaß, Traum, Phantasien im Leib, nach außen Liederlichkeit und Verwahrlosung.

Luise Ich hatte eine feste Doppelschleife gebunden.

Theobald lacht auf Eine feste Doppelschleife. Herrgott hör das niederträchtige Geschnatter. Eine feste – da hast du eine feste Doppelohrfeige. Die Folgen! Ich wage nicht, zu denken. Entehrt, aus Brot und Dienst gejagt.

Luise Beruhige dich.

Theobald – rasend ...

Luise Du bist unschuldig.

Theobald Schuldig, ein solches Weib zu haben, solchen Schlampen, Trulle, Sternguckerin. Außer sich Wo ist die Welt? Er packt sie beim Kopf und schlägt ihn auf den Tisch. Unten, im Kochtopf, auf dem mit Staub bedeckten Boden deiner Stube, nicht im Himmel, hörst du? Ist dieser Stuhl blank? Nein – Dreck! Hat diese Tasse einen Henkel? Wohin ich fasse, klafft Welt. Loch an Loch in solcher Existenz. Schauerlich! Mensch, bedenke doch! Ein gütiges Schicksal gab mir ein Amt, das siebenhundert Taler einbringt. Schreit Siebenhundert Taler! Dafür können wir ein paar Stuben halten, uns tüchtig nähren, Kleidung kaufen, im Winter heizen. Erschwingen eine Karte in die Komödie, Gesundheit spart uns Arzt und Apotheker – der Himmel lacht zu unserm Dasein. Da trittst du auf mit deiner Art und zerstörst unser Leben, das gesegnet wäre. Warum noch nicht geheizt, warum die Tür auf, jene zu? Warum nicht umgekehrt? Wie kann deine Hose auf offener Straße fallen, wie konnte sie? (aus:projekt gutenberg)

Soweit die gute alte Zeit.

Das Problem, das Sternheim stellt, ist ähnlich vertrackt: Eine gut (?) verschnürte Unter-Hose löst sich unter mehreren übereinander getragenen Röcken (durch einen eleganten Hüftschwung) und gleitet zu Boden. In Anbetracht der damals üblichen Rocklänge würde der Zwischenfall erst dann bemerkt werden, wenn Luise versuchte, ihn zu korrigieren. Denn dazu müsste sie unter die Röcke greifen und sie beim Hochziehen der Hose ein gutes Stück heben. Bliebe Luise stehen und wartete, bis kein Gaffer mehr in Sicht wäre, ergäbe sich kein größeres Malheur. Doch da sie sich offenbar auf einer Straße befindet, die auch der König benutzt, ist das kaum möglich.

Einigen wir uns auf folgende Interpretation (das Wort ist schon Programm): Jemandem gab sein ästhetischer Sinn - oder sein Spieltrieb – ein, dass genau hier, an dieser Stelle im stillen Tann, eine weiß-blau gestreifte Hose fehle. Er opferte die seine – mag sein, er benötigte sie nicht mehr, trug in der Hitze drunter eine Bade- oder Boxerhose – und schuf einen interessanten Kontrast (so glaubte er wenigstens) zu Graubraun und Grün des Waldes.

Gott wolle es ihm verzeihn!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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