Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Scheudenkers Säulschaft


Wahrlich, dieses Stück Welt war zu Großem berufen. Die erste Garde der Stadt Radiesbonn, an ihrer Spitze Scheudenker, Erster Bürger der Kommune, wollte diese historische Stätte mit einem Memorial überbauen.

Der Gedanke war, diesen wüstenhaften Strand des Isterflusses der hiesigen wie der übrigen Menschheit zu erhalten, darüber und drum herum jedoch eine prächtige Arena aufzuführen. Für öffentliche Lustbarkeiten aller Art wie Catch-as-catch-can, Mafia-Rock oder Volksreden nicht nur zu Wahlkampfzeiten. Spiele, so wichtig wie Brot.

In neu errichteten Katakomben hätte weiter der Ister gerauscht, hätte diese ehrwürdige Säulschaft bei Hochwasser geflutet und sogar den Boden der Arena bedeckt, Gelegenheit gebend zu Seekampf-Spielen wie weiland im römischen Colosseum.

(Exegi monument‘ äre perenniuss … ach!)

Niemand weiß, von welchen erbitterten Kämpfen die Blutspuren am Kachelwerk stammen. Von den Bojoviren, jenen sagenhaften Eroberern? Niemand weiß, von welcher Invasion die recht primitiven blauen und schwarzen Graffiti zeugen. Waren es die berüchtigten Isterpiraten?

Alles wäre erhalten geblieben, behaust und gesichert.

Doch das Volk von Radiesbonn lief Sturm gegen Scheudenker, seine Gönner und Spezln, stimmte sie nieder. Scheudenker, der Listenreiche, plante erneut. Die Radiesbonner stimmten Scheudenkern wieder nieder. So ging es fort.

Um dem Hickhack ein Ende zu machen, bereiteten Scheudenkers Bosse im fernen Mönchen-Kindeln erfolgreich eine feindliche Übernahme vor. Sie gaben vor, ein Museum der Historie errichten zu wollen – und rissen die ganze Säulschaft ab, schütteten die istrische Bucht zu, um ein fundamentum für ihren Großklotz von Museum zu gewinnen.

Um Historie zur Schau zu zustellen, ward Historie vernichtet.

Das Volk von Radiesbonn pfiff nun darauf. Scheudenker hatte seinen Denkzettel doppelt: vom Volke wie von oben, definitiv. Das Volk liebt Denkzettel, das genügt ihm. Denken ohne Zettel wäre schon zu anstrengend.

Die gestürzten Säulen wurden von Säulspechten teilweise zerhackt, die Bruchstücke zierten zwischen exotischen Pflanzen ihre Wintergärten. Robuste Werkleute kippten, was noch übrig war, in den Ister, wo sie nach der Willkür der Wellen dem fernen Pontus entgegenkollern.

Der große Scheudenker aber leidet im Ruhestande noch immer.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER