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einhorn insel der seligen

Die Große Mauer


Der Mensch sehnt sich nach Gebäuden, drin zu wohnen, geschützt zu sein vor den Unbilden der Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Dieses Privileg will er sich dadurch verdienen, dass er manche dieser Bauwerke seinen Göttern vorbehält. Sicher ist sicher, sagt er sich.

Anders liegen die Dinge beim Bau einer Mauer. Sie schützt die Menschen voreinander: die Reichen vor den Armen, die Guten vor den Bösen, die rechten Christenmenschen vor Zigeunern und ähnlichem Gesindel, die hochtechnisierten Römer vor wilden Pikten oder germanischen Waldbarbaren.

Auch für diese Menschenwerke sind die Götter stets ein wichtiger Faktor gewesen. Schamanen tanzten an Dorfpalisaden, um feindliche Kopfjäger und böse Geister abzuhalten, in den alten Reichen wurde Eingeweide- wie Vogelschau betrieben, und Pfaffen schlichen sich, Weihwedel schwenkend, im Gänsemarsch innen an der Stadtmauer entlang, damit die gottlosen Türken sie nicht irgendwann überrannten.

Was immer die Menschen an sinnreichen, sinnarmen oder sinnlosen Bauten errichten, sie treten in edlen, gegebenenfalls heroischen, schlimmstenfalls metzelnden Wettstreit miteinander. Jeder Tempel wollte der stattlichste, jede Kathedrale die weitläufigste sein. Innerhalb einer Siedlung wusste und weiß jeder den größten Hof, den höchsten Wohnturm zu bezeichnen. Bis heute ist das ein wesentlicher Teil des Heimatgefühls.

Das gilt auch für Mauern aller Art. Weltweit herrscht ein edler Wettkampf von Schutz und Trutz.

Mögen die innerstädtischen Barrieren wie die bis 6 Meter hohen europäischen Grenzzäune von Ceuta und Melilla oder hunderte peace lines in Belfast, die bis 8 Meter Höhe erreichen, sich messen an der inzwischen wunderbarerweise verschwundenen Berliner Mauer: 170 Kilometer lang, wenn auch kaum über vier Meter hoch, mit über 300 Wachtürmen.

Obwohl auch dort geschossen und gestorben wurde bzw. wird, sind das im internationalen Vergleich doch eher Peanuts. Wir sollten heutzutage nur mehr global denken.

Am 38. Breitengrad bietet die koreanische Demarkationslinie fast 250 Kilometer Länge und bis zu vier Kilometer Tiefe.

Israel hält dagegen: Mauer im Heiligen Land, 760 Kilometer Länge, bis acht Meter Höhe.

(Der alte Limes brachte es immerhin auch schon auf 550 Kilometer)

Der auch tortilla fence genannte Zaun an der Südgrenze der Vereinigten Staaten umspannt immerhin 1126 Kilometer, die Grenze selbst ist allerdings etwa dreimal so lang.

(Zaun oder Mauer? Grenzbefestigung? Grenzanlagen? Die Begrifflichkeit changiert gerne zwischen Understatement und repräsentativem Stolz)

Unerreicht ist indes im Vergleich zu all diesen ernsthaften zeitgenössischen wie historischen Anstrengungen die Große Mauer im Norden Chinas, begonnen angeblich im siebten vorchristlichen Jahrhundert.

Der Stolz der Chinesen beziffert ihre vermutliche Gesamtlänge auf zirka 21 200 Kilometer, vom Pazifischen Ozean bis in die Wüste Gobi. Davon ist allerdings vieles schon versunken im Schutt der Zeiten. Allein die Ming-Kaiser, die letzte Hand an das Bauwerk legten, sollen für ein Teilstück von fast 9 000 Kilometern verantwortlich sein.

Ein Gebilde, das noch von den Grenzen des irdischen Luftraums her zu sehen sein soll, konnte nicht im Handumdrehen entstehen. Vielmehr musste Stein für Stein gesucht, gefunden, gebrochen, geklaut, gekauft, beschlagnahmt, herangeschafft und zurechtgemeißelt werden. Daran arbeiteten sich unzählige Generationen ab. Kein kaiserlicher Beamter hielt fest, wie viele starben an Stürzen oder Mangelernährung, an Krankheiten oder der Todesstrafe, die bei Arbeitsverweigerung oder Flucht unweigerlich verhängt wurde. Millionen.

Was Touristen heute besichtigen können, erstreckt sich immerhin noch über fast zweieinhalbtausend Kilometer.

Auf solchen Lorbeeren kann China sich ausruhen. Doch China ruht sich nicht aus, es will die nächste und möglichst alleinige Supermacht werden.

Sollte sich da ein amerikanischer Präsident nicht ernsthafte Gedanken machen? Wo er doch schon Supermacht ist?

Maximal zwölf Meter hohe Türme und an die zehn Meter hohe Mauern – das dürfte für das Land der Wolkenkratzer kein Problem sein. Das Problem liegt in der Länge. Die mexikanische Grenze ist für den Wettbewerb einfach zu kurz! Nur die Pekinger Touristenmeile der Großen Mauer könnte mit der Schließung der gesamten Südgrenze der USA durch eine Mauer (oder einen Zaun, je nach Definition) leicht getoppt werden.

Sollte man eventuell zwei oder mehrere Mauern hintereinander errichten?

Eine einfache Lösung bestünde darin, dass die USA alle Grenzen schließen. Die am 49. Breitengrad mit Kanada ist über 6400 Kilometer lang (was bereits Weltrekord ist, na bitte!). dazu käme noch die Grenze zwischen Kanada und Alaska (fast 2500 Kilometer). Damit würde man die Ming-Mauer locker in die Tasche stecken.

(Im Zweifelsfall dürfte es nicht schwer sein, einen erbitterten Streit mit Kanada vom Zaun zu brechen)

Und was die 21 000 (und ein paar zerquetschte) Kilometer Gesamtlänge der Chinesischen Mauer betrifft, so ist diese ja hypothetisch. Das sollen die erst einmal alles ausgraben und rekonstruieren, diese Angeber!

So käme die Sache wieder ins Lot.

Kein Problem für einen starken Präsidenten. Wäre dieses historische Minderwertigkeitsgefühl beseitigt, würde man auch wirtschaftlich wieder ungehemmt wachsen! Allein die Arbeitsplätze bei diesem Mauerbau! Ohne die hinausgeworfenen Latinos und die hinausgeekelten Asiaten! Exklusiv für Weiße!

(Die Schwarzen brächte man kaum mehr los)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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