Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Andrómeda


Du bist ein Wort an der Mauer, zwischen Unkraut und Gestrüpp.

Du bist ein Sternbild. Und du bist ein Nebel zwischen den Sternen deines Sternbilds. Benannt nach einer Frau aus Aithiopien, die ihr Vater in den Tod schickte, einem Seeungeheuer zum Fraß vorwarf. Die ein Göttersohn rettete.

Du bist schön. Hunderte Maler haben dir einen Körper gegeben.

Doch ein Stümper hat deinen Namen an diese Ziegelwand geschmiert. Ich.

Ich werde den Nebel zerteilen. Ich halte deinen Namen wie einen Talisman fest und dringe hindurch.

Ich werde, was dich überwuchern will, ausrotten und niederbrennen, werde die Ameisen verjagen, die Asseln, die Tausendfüßler.

Ich bin ein Narr. Denn ich weiß: Von dir ist nur der Name geblieben. Du bist erst Opfer der Familienehre gewesen, dann die Frau eines Außerirdischen, der durch die Luft ritt. Von dir stammt ein großes Volk ab, doch es heißt nach dem Vater, nicht nach dir.

Dein Name bedeutet, dass ein Mann an dich dachte. Mehr nicht. Über dich sagt er nichts.

Ich war so ein Mann.

Ich weiß nicht mehr, warum ich dich so nannte. Warum mir dein richtiger Name nicht gefiel.

Doch, ich erinnere mich. Ich wollte, dass keine so heißt wie du.

So warst du mein Opfer. Aber kein Meerungeheuer war zur Hand, um mich zu beweisen vor dir, keine Seeschlange mit dem Kopf eines wilden Ebers. Nein, ich malte deinen Namen auf diese nackte Wand, diesen Namen, von dem du nichts wusstest, du hättest mich ausgelacht. Weder dir noch deinem Namen können Ratten oder Ameisen etwas anhaben. Sie machen nur, zusammen mit den krüppeligen Pflanzen und den wuselnden, wimmelnden Tieren diesen Ort nicht zu einer Gedenkstätte, sondern zu einem Schandfleck, für den ich verantwortlich bin.

Dir wird das allerdings nicht weh tun. Aithiopien soll ja ein alter oder falscher oder fremder Name für Palästina sein. Göttersöhne hat es noch nie gegeben. Sie sind genauso erfunden wie du.

Dich gibt es nicht. Du besitzt gar keinen richtigen Namen. Wie dein Sternbild, dessen Sterne in die verschiedensten Richtungen auseinanderfliegen.

Der Nebel bleibt. Meine Phantasie.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER