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einhorn insel der seligen

Die Sohlen des Engels


Wer vom Himmel kommt, die Erde besucht und wieder auffährt in sein sagenhaftes, seltsames Reich, lässt wenig zurück. Nur, was uns gebührt, was uns entspricht, finden wir.

Dies behaupten die letzten versprengten Anhänger höherer Wesen.


Plastik ist unsere Welt. Blumen, zum Beispiel. Sogenannte echte Blumen sind zwar geduldet, aber als lebende Wesen lästig. Sie welken rasch, dann gefallen sie nicht mehr, sind Müll. Sie müssen bezahlt werden, denn ihre Zucht kostet Raum und Arbeit. Sogenannte natürliche Vorkommen sind in entlegene Winkel verdrängt worden.

Plastik ist alles, was wir lieben. Erhältlich in allen Farben und Formen. Die Entsorgung: kein Problem. Es wird wiederaufbereitet oder zu winzigen Teilen geschreddert, die uns so wenig stören wie Mikroben. Nicht entsorgtes Plastik schluckt das Meer, zersetzt es auf seine Art oder formt daraus neues Land. Das Meer ist geduldig.

Plastik durchdringt alle unsere Lebensbereiche. Ein Kreislauf, wie er nicht nachhaltiger zu denken ist.


So schreiten wir fort und brauchen dazu keine Schuhe.


Bei seiner Wanderung durch die Welt trug der Engel selbstverständlich Plastikschuhe, für jedes Terrain geeignet und praktisch unbegrenzt haltbar. Er hatte genommen, was ihm empfohlen wurde von unseren Experten. Dass diese den Engel nicht als solchen erkannten, dafür verdienen sie, bitteschön, keinen Tadel. Sie denken für ihre Kunden bis hin zum Iron-Man oder zur Santiago-Wallfahrt.


Dem Engel hat das offenbar nicht genügt.


Unsere Experten beschäftigt trotzdem die Frage: Wie konnten derart massive Beschädigungen der Sohle entstehen? Wir schätzten Plastik stets als überaus verlässlich ein.


(Engel sind schmerzfrei, weil de facto körperlos; der Engel wird also die Löcher nur durch den Kontakt mit anderem Material als Plastik bemerkt haben; dass er es bemerkt haben muss, zeigt, dass die Plastifizierung unseres Lebensraums noch lange nicht abgeschlossen ist)


(Die engeleigene Körperlosigkeit hat zur Folge, dass wir es mit einem Gewicht nahe Null zu tun haben; der Engel muss sich also vorwiegend auf unebenem, rauen, ja spitz-scharf-aggressivem Terrain bewegt haben oder sich einer schleppend-schleifend-schlürfenden Gangart befleißigt haben)


Falls man an Engel glaubt, sind ihre Wege so unerforschlich wie die seiner angeblichen Vorgesetzten. Wenn Schamanen, Spökenkieker und Eingeweideschauer – die es leider noch immer gibt – nun diese engelhafte Hinterlassenschaft so interpretieren, dass der Engel nicht über Berg und Tal, sondern über unsere Seelen geschritten sei, so lassen wir das so stehen, man widerspricht Kindern und Narren nicht. Bemerkenswert ist vielmehr, dass diese selbsternannten Hüter der Spiritualität (man verzeihe das antiquierte Wort) durchaus nicht einig sind über die Bedeutung der durchlöcherten Sohlen: Wären unsere Seelen (so wir welche hätten) imstande, Plastik zu verbiegen, solide Plastikflächen zu sprengen? Oder hätten Willen und übernatürliche Kraft der Engelsfüße unsere Plastikkonstruktion durchbrochen, durchbrechen müssen, um unsere Seelen zu berühren?

Welcher Fraktion das Individuum oder die Gruppe angehörte, das dieses Ensemble (ich nenne es einfach einmal so) an die Wand nagelte, ist nicht bekannt. Es befindet sich im rührigen Moskauer Museum des Atheismus mit dem (ursprünglich direkt auf die Wand gesprühten) Titel, den ich für diesen Text übernommen habe.


Sachverständige der Geschichte der Metaphysik schwankten in ihren Bezeichnungen: Votivbild, Memorial, Gnadenbild, Marterl … Bemerkenswert fanden sie die (tendenzielle) Struktur eines Dreiecks. Ein weit verbreitetes Gottes-Symbol war ja ein Dreieck (die Umkehrung dieses Engel-Dreiecks) mit einem Auge in der Mitte (für das hier eventuell die Blumen stehen könnten).

Bedeutet diese Umkehrung: Schluss mit dem alten Schmock auf Wegwerf-Schuhen, lasst (Plastik-) Blumen sprechen?


Tja.



(Variante)


Schuhe wandern über die Decke, schlittern die Wände herunter zum Fußboden, wo kaum sichtbare Spuren der Besucher ihnen nicht adäquat antworten können; denn zu entschlossen farbig und zu entschieden formal präsent sind diese Fußbewahrer; sie halten meinen Blick unerbittlich fest; sofort sehe ich die dazugehörigen Füße vor mir, die Knöchel, Waden, Schenkel, schließlich den Rest : so wie man aus einer Ruine ein vollständiges Gebäude nach eigenem Gusto rekonstruieren kann; ein beunruhigendes Getümmel von scheinbar schwerelosen Personen, die nur von ihren Schuhen an Wand und Decke gehalten werden, erstarrt in schreitender Position, die Oberkörper vermutlich wüst verdreht und ineinander verschlungen, die Münder schreiend und spuckend vor Zorn über solche Verknäuelung - oder doch eher allen böse Umständen zum Trotz um elegante Pose bemüht; fest steht: das Astronautische kann für sie nichts Verlockendes haben, es kostet sie größte Anstrengung sich in den Schuhen zu halten, wenigstens die eine (zehntel-, hundertstel-) Sekunde, die der Blick des Besuchers auf diesen ruht; dann mögen die Körper kippen, stürzen, fallen in einem entsetzlichen Gemenge von Schädel- und Knochenbrüchen und den Betrachter unter sich begraben und ihn bestrafen für seine unschicklichen Gedanken

In der nur selten Dackelhöhe erreichenden Welt der Schuhe und Stiefel liegt der verborgene Charakter der Nutzer; die Schrittlänge ist proportional zum Gefühlskostüm, der Schreitwinkel deutet auf H- oder O-Haxen; kleine und große Schuhe malen ein Bild belebten Familienlebens; die Farben weisen auf die oberknöchlige Bekleidung, ihre Kombination weckt diverse Gänsehäute usw

Wer auch immer in einem Paar (es gibt nur Paare – hab ich das richtig gesehen?) dieser Schuhe gesteckt hat, hier findet er sich womöglich wieder zwischen ihm fremden, er marschiert auf einer Demo mit, die anprangert, was er über alles schätzt; oder er marschiert mit beim Haberfeldtreiben gegen seine in Sünde gefallene Erbtante; jedenfalls lemmingt es um ihn herum., da ist wenig Raum für die Entfaltung des Eigenen; es gibt zwar einige Ausreißer, doch scheinen sie mir chancenlos; die baumelnden Schuhbänder laden eher dazu ein, sich an ihnen zu erhängen

Das Idol, dem all diese Wanderer huldigen, hängt wie ein Kruzifix über dem Eingang (um von diesem abzulenken (?) – da ginge es hinaus ins Freie ...); anzubeten sind durchgelaufene Sohlen, die die wahre Stärke und Leistungsfähigkeit des Fußes belegen, eines Fußes, der seiner Schutzwehr zum großen teil beraubt ist und jeden Kiesel des Weges schmerzlich spürt, jeden Dreck der Straße an seine Poren saugt; Leistung ist leiden; gemeinsames Leiden tröstet und lenkt ab von individuellem Spintisieren mit extravaganten Ansprüchen; die Masse macht’s und wird’s schon richten

So marschieren wir ins einundzwanzigste Jahrhundert, sind schon auf dem Marsch; auch wenn wir vor einem Tempel diese Schuhe ausgezogen haben, die bloßen Füße bleiben im Tritt; es tun ja alle, tun wir’s mit; wir hängen mit dem Köpfen nach unten, das Hirn wird bald explodieren; wir sind eingesperrt in den Atem beraubend engen Kubus des Schwarzen Hundes, aber draußen hören wir die Motoren heulen und den Smalltalk plätschern.


Franziska Luber in Kallmünz, Mai 2009


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