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einhorn insel der seligen

In Schönheit sterben


Das Schweigen ist geblieben. Aus den Katakomben kein Laut, vom kahlen Hügel, der den unübersehbaren Rest der Stadt deckt, keine Bewegung. Um die letzte aufrechte Säule streicht der Wind.

Die Kapitelle, auf den Kopf gestellt, wurden nicht ihrer Schönheit wegen verschont. Man konnte sie verwenden als Sitz oder Tisch, Hackklotz für Hühner- und Menschenköpfe, Brett für einen Teig, rostrum

Obwohl verstümmelt, würden sie noch taugen als Ruheplätze von Königen. Trümmerkönige säßen hier, Herrscher, die die Zukunft ihrer Reiche voraussehen konnten, den Gräbern entrissene Mumien, auferstandene Propheten. Die Untertanen und Umsassen sämtlich tot, erschlagen von den Häusern und Tempeln, die sie selbst gebaut, oder von ihren Knechten, auf die sie zu viel Arbeit gehäuft und denen sie zu wenig Menschliches gewährt hatten.

Selten werden Ruinenfelder sofort wieder aufgebaut. Die Schrecken der Zerstörung befremden die Zerstörer selbst und sie ziehen es vor, anderswo sich anzusiedeln.

Manchmal entschließen sich Neuankömmlinge an solchen Orten ein Gemeinwesen zu gründen, Flüchtende von irgendwoher, die nichts wissen von dem Unglück, das dieses Trümmerfeld einschließt, und auch nichts davon wissen wollen. Indem sie durch neue Gebäude die Spuren des Zusammenbruchs verwischen, vermögen sie vielleicht den eigenen, in weiter Ferne zurückgelassenen Schmerz zu vergessen.

In späteren Jahrhunderten werden Neugierige kommen, im Luxus lebende Zeitverschwender, und sich Gedanken machen über die längst verwesten Bewohner, sie werden Bruchstücke von möglichem Wert an sich nehmen und sie verhökern. Sie werden schwadronieren über die Pracht vergangener Zeiten und die Hässlichkeit ihrer eigenen Häuser und Städte.

Werden sie darüber spekulieren, wie diese aussehen könnten, wenn die ihnen zukommende Katastrophe über sie hereingebrochen sein wird?

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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