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einhorn insel der seligen

Ein Gegenüber


Die Maske. Sie sieht dich an.

Aus ihren leeren Augen heraus betrachtet sie dich. Kannst du den Blick von ihr abwenden?

Sie kann dir sagen, was Sache ist. Ohne sich zu bewegen. Ohne einen Ton.

Die Warze und das Geschwür beidseits der Nasenwurzel, hast du es bemerkt? Dem Widerspruch entkommst du nicht.

Ihre Kapuze aus Rupfen schließt andererseits jeden Zweifel aus.

Nur kurz ist ein Grinsen über dein Gesicht gehuscht wegen des halben Schnurrbarts. Doch das spielt nicht die geringste Rolle. Die Maske hat ihre eigene Wahrheit. Anders als du.

Rotes Haar ist Hexenhaar. Ein Hexenmeister findet großes Vergnügen daran, sich nicht ordentlich zu kämmen. Und du steckst noch fest im Vorurteil. Wie ein Karren im Dreck.

Ja, es sind Risse, die von den Augen nach unten ziehen. Nicht Spuren von Tränen. Die Risse führen direkt zum Mundwinkel, dann weiter den Hals abwärts. Ein fragiles Gesicht.

Gehört zu dem Gesicht auch ein Körper? Ist die Maske aus Holz? Oder aus Lehm wie der alte Adam? Sie braucht es nicht zu wissen, so wenig wie du.

Komm zur Sache. Wir sind weit entfernt von Fasching.

Persona und personne. Das ist ihre Wahrheit.

Nimm die Wörter, wie sie sind. Doppeldeutig eindeutig.

Die Wahrheit können die verstehen, die auf sie blicken wie in einen Spiegel. In dem man sich selbst erkennt.

Du kannst dich in diese Augenhöhlen versenken bis in den Grund. Nicht denken. Denken ist ein Umweg. Horch, was unausgesprochen gesagt wird. Krame dann erst in deinen Wörtern herum und bastle dir daraus ein Spiegelbild. Ein anderes.

Fauler Zauber, denkt es trotzig in dir, aber dein Denken ist zwanghaft. Eine Perchtenmaske, da hast du einen Begriff gefunden und stellst dir dazu vor: eine heidnische Beschwörung, ein sinnloses Stampfen, das Tanz sein will, einen kollektiven Rückfall in das Gebaren der Urhorde.

Nein. Sie bewegt sich nicht. Du hast sie gefunden. Willst du sie in dich aufnehmen? Sie ist kein Begriff. Sie ist kein Wort. Sie ist, was dahinter ist: was du siehst im Blicklosen ihrer Augen.

(Foto: M. Mayr, Weggis)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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