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einhorn insel der seligen

Mühlrad im Kopf


Don Quijote hat sich verändert.

Er kauert in meinem Schatten, mit dem Rücken an mich gelehnt. Er redet unentwegt. Mit den Fingern klopft er sich an den Kopf, dann wieder auf das Pflaster, wie um die Konsistenz zu untersuchen. Er betrachtet dann seine Finger, bemerkt den Staub, bläst ihn fort, hüstelt, murmelt weiter vor sich hin, schabt an seinem Schädel herum.

Ich habe vergessen, wie lange er schon da sitzt. Mühsam das Gesäß hebend und seiner gebrechlichen, zusammengekrümmten Gestalt einen kleinen Ruck gebend, folgt er dem Weg des Schattens. Er ist vollständig kahl und scheut das Sonnenlicht.

Niemand kümmert sich um ihn, niemand spricht ihn an. Man könnte glauben, er sei unsichtbar für die vielen Leute, die hier vorbeikommen.

Er macht nicht auf sich aufmerksam. Sein Gebrabbel ist leise, selbst ich erfasse nur ab und zu ein paar Silben, das eine oder andere Wort. Manchmal stöhnt er. Manchmal schnäuzt er sich. Nachts fällt er in einen bleiernen Schlaf und schnarcht. Doch selbst dieses einigermaßen laute Geräusch wird von der nächtlichen Polizeipatrouille ignoriert.

Er wartet auf seinen Schildknappen, der ihm den Rocinante zurückbringen soll, das Pferd ist wieder einmal ausgerissen, so viel habe ich verstanden im Lauf der Zeit. Schwert und Lanze sind ihm verloren gegangen, auch den berühmten Helm trägt er nicht mehr. Seine Kleidung ist so verwahrlost wie sein Körper, den er weder wäscht noch sonst irgendwie pflegt. Wovon er sich ernährt, weiß ich nicht. Manchmal wankt er in der Dämmerung zu einem Gebüsch, um seine Notdurft zu verrichten.

Er ist zurückgekehrt. Vielleicht zufällig. Etwas hat ihn zurückgeführt an einen Ort seiner Verrücktheiten. Er hat resigniert. Sein wilder Kampfeswille ist erloschen. Er ist ein Penner geworden, aber er bettelt nicht, er säuft nicht, er hockt einfach da und existiert, den Gesetzen des Lebens und des Todes zum Trotz, ein heiliger Narr. Damals hat er mir zwei meiner Flügel ruiniert, aber man wollte mich nicht reparieren, ich wurde stillgelegt, mein Müller geschasst. Irgendjemand muss mich später unter Denkmalschutz gestellt haben, bevor ein Städteförderungsprogramm vorbeikam.

Ihm gegenüber empfinde ich keine Rachegelüste. Alt wie ich geworden bin, könnte ich sicherlich nicht mehr arbeiten.

Manchmal sieht er zu mir auf, doch sein Blick gleitet ab an meinem dicken hölzernen Bauch und verliert sich in der Ferne.

Manchmal lacht er. Leise - so leise, wie er spricht, es ist eher ein Kichern. Wie eine Maus, die aus ihrem Mauseloch schaut und der die Katze, die draußen lauert, nichts anhaben kann.

Wie die Katze die Maus hatte er die angeblich Bösen gejagt, um ein Rächer der Guten zu sein, denen in seinen Augen Unrecht geschah. Niemand wollte aber seine Dienste in Anspruch nehmen. Er wurde verprügelt und man lachte über ihn hinter seinem Rücken. Er war eine tolle Nummer. Man reichte ihn herum, um ihm Streiche zu spielen und sich auf seine Kosten zu amüsieren.

Ich weiß nicht, ob er über die Menschen lacht, die vorübergehen, die beflissen und stur einem Plan im Leben folgen, so wie er damals, und die doch nur ihre eigene Nase vor sich hertragen. Oder erinnert er sich und kann über sich selber lachen? Über den fetten Angsthasen Sancho, über Dulcinea von Toboso, diesen Bauerntrampel? Über all seine aufgeblasenen Abenteuer? Über seine Tugendpredigten, die von den Ritterromanen stammten?

Wenn der Humor rumort in ihm, wenn es ihn kitzelt in den Eingeweiden und er anfängt zu prusten, wenn man ein Glucksen hört und schließlich die gedämpften, kehligen Laute des Lachens aus ihm hervorbrechen – dann würde ich mitlachen, wenn ich könnte.

Stattdessen beginnen sich meine amputierten Flügel im Wind zu drehen. Und der Wind orgelt und dudelt, als lachte er für mich.

Und die Leute gehen vorbei, als ob nichts wäre.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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