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einhorn insel der seligen

Träume


Schlafen. Den Kopf an der Hand abgestützt oder zurückgeworfen in den Nacken. Die Stirn in Falten gelegt, die Lippen ausgestülpt, die Nase bereit zu wittern: Reisen in die Vielfalt der Träume.

Alles ist möglich.

Doch was sind das für Sachen? Legst du die Mönchskutte gefasst und entschlossen ab oder reißt du sie dir in Ekstase vom Leib? Ein neues Leben soll beginnen.

Was hast du getan? Du hast es getan.

Du bist aufgeschreckt, bist wach geworden. Dein Blick fällt auf die beiden andern Schläfer.

Der Spitzbart hat gelesen von den grauenhaften Gesichten und Anfechtungen des heiligen Einsiedlers Anton, sehnt sich danach, ihm nachzufolgen und scheint auf gutem Weg. Er bäumt sich auf wie eine rossige Stute. Er entblößt den Hals, dass eines der teuflischen Wesen sich dort festbeiße, der Adamsapfel zuckt. Die Lippen betteln um einen noch stärkeren Reiz, wölben sich beschwörend.

Der Vollbart scheint in die Lektüre imaginärer Scharteken vertieft. Er wälzt die Welträtsel hin und her, er pflügt sich durch die irdische wie die himmlische Gelehrsamkeit. Seine Lippen wiederholen weise Sentenzen, um sie sich einzuprägen für alle Zeit. Schwer trägt er an der Last des weltweit Gedachten.

Wieso bildest du dir das ein? Das träumst du. Du musst wieder eingedöst sein.

Nicht für lange.

Du wirst geweckt zum Frühgebet, rappelst dich schlaftrunken auf und trottest mit den anderen in die eiskalte Kirche. Viele klammern sich noch an ihren Traum, bewegen schleppend die steifen Glieder, schlurfen und stolpern.

Als du geweckt wurdest, lagst du nicht in deiner Zelle. Du warst gebettet auf grobem Fels und an einen Haufen von Steinen hattest du dich geschmiegt. War das noch ein Teil des Traums?

Der Stein war warm.

Jetzt singt ihr Choräle, ist auch deine Stimme dabei? Kniest du im Chorgestühl mit all den andren oder siehst du nur zu? Du kannst doch überhaupt nicht singen. Du bist kein Mönch.

Du bist nie ein Mönch gewesen. Und jetzt?

Lege dich wieder zur Ruhe, spüre die Wärme des Steins an deinem Kopf, lass den Kopf zurücksinken, atme ruhig, warte. Jeder Traum geht irgendwann vorbei.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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