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Hünengrab

Aus den Lautsprechern kamen Weisungen, und die Werksleute pickelten und schaufelten.

Altbürgermeister Dr. Hünen war geknebelt und am Bauzaun befestigt worden, war gezwungen, den Fortgang der Arbeiten zu verfolgen.

Die neue Mehrheitspartei im Rathaus hatte den Schanzarbeitern Latzhosen, Jacken und Handschuhe genehmigt, natürlich in den neuen Farben.

Der Boden leistete Widerstand. Es wurde geschwitzt und geflucht. Am Zaun feilschten Funktionäre um Zulagen.

Es war Morgen geworden, und es bildete sich bereits ein Rückstau von Pendlern. In der nächtlichen Eile hatte man versäumt, eine Umleitung zu beschildern.

Wildes Gehupe zuerst. Dann gaben sie auf, stiegen aus, sammelten sich am Zaun, durften ihren Zorn auf Dr. Hünen fokussieren, unterstützt, später befeuert von Lautsprecherdurchsagen. Als den Tobenden keine Schmähungen mehr einfielen, und einige anfingen zu spucken, schritt die Werkspolizei ein.

Man forderte die Menge auf, die Fahrzeuge stehen zu lassen und unverzüglich ihre Arbeitsstelle zu Fuß aufzusuchen. Dort seien die Verantwortlichen verständigt und die Parkplätze ohnehin für die erneuerte kommunale Sicherheitsabteilung reserviert.

Man wolle keine große Sache daraus machen. Es habe ein korrektes Misstrauensvotum mit anschließender Abstimmung stattgefunden, den Medien sei nichts zu verbergen gewesen.

Als Dr.Hünen, weiterhin gefesselt und jetzt sediert, in den Aushub gelegt und ca. einen Meter unter Straßenniveau zurechtgebettet war, versehen mit Mundvorrat für ein eventuelles Jenseits (ortsüblich waren Leberkäs und Brezen) sowie mit Kopien sämtlicher Dokumente, die ihn belastet hatten und ihm nun auf Dauer beigegeben wurden, hielt das neue kommunale Oberhaupt eine kurze Ansprache, in der es Werksleuten und Sponsoren (die ungenannt bleiben wollten) dankte und unterstrich, dass der Sektor kommunaler Tiefbau keineswegs noch einmal so sträflich vernachlässigt werden dürfe.

Dann luden Lastwägen ihre Last ab. Ein Kran stand bereit.

Man beschränkte sich auf das bekannte Hinweiszeichen, verzichtete auf eine Inschrift. Es sprach sich ja rasch herum und würde noch rascher vergessen sein, dass hier ein Dr. Hünen begraben liege.

Sofort begannen die Arbeiten an der Neugestaltung eines Kreisverkehrs.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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