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einhorn insel der seligen

Fracasso

Ich weiß ein Nest, das heißt Fracasso. Dort nistet der Versager. Er brütet nicht. Er verkrümelt sich.

Nachts lugt er manchmal hervor, ich hab ihn gesehen. Oft legt er sein Ohr ans Rohr und lauscht, ob‘s drin rauscht. Ich hab auch gehorcht und nix gehört. Er verzieht keine Miene, wenn er sein Gesicht an das kalte Metall schmiegt. Dabei streicht er langsam an den Klebebändern entlang, als wären sie die Beine einer Geliebten.

Er blickt starr, direkt in meine Richtung, aber er kann mich nicht sehen.

Der Versager hat zur Deckung ein Brett vor sein Nest genagelt. Auf dem Brett ist so ein Zeichen, eine Art – Logo – ich weiß nicht. Ein Tier, das den Kopf verdreht und Zunge zeigt. Kein Löwe. Eher echsenartig. Heimtückisch. Giftig. Zuschnappend. Das Logo müsste eigentlich auffallen.

Mir ist es sofort aufgefallen.

Die in der Arbeit: „Da hast du dir wieder was eingebildet! Schnapsidee, das!“ Gelacht haben sie und gekichert, die Weiber. Ich hab‘s geschluckt.

Aber ich weiß, wovon ich rede. Ich bin ihm gefolgt. Oft.

Er schlurft übers Pflaster, nicht gerade leise, manchmal stolpert er, doch er schaut nicht zurück und nicht zur Seite, weicht keiner Pfütze aus. Er schleppt jedes Mal ein bisschen Stroh mit, die Halme rascheln hinter ihm her. Immer spät in der Nacht,

Unsere Nächte sind voller Besoffener, aber nie begegnet uns jemand.

Er ist nicht besoffen. Aber dieses Wort, Versager, er stammelt es ununterbrochen, immerhin so laut, dass ich es in einigem Abstand noch gut verstehen kann. Dabei gibt er sich ziemlich kräftige Klapse auf Stirn und Hinterkopf. Drum geb ich ihm diesen Namen, wie er wirklich heißt, weiß ich nicht.

Als er mir das erste Mal auffiel, fing er gerade an, das Nest zu bauen, da war ich neugierig, kam zu nah heran. Er hat mich gesehen.

Er machte eine seltsame Bewegung mit genau der Hand, mit der er sich zuvor diese Schläge versetzt hatte, es sollte wohl eine Drohung sein, war aber eher ein Wedeln, ohne Kraft. Es war, als wollte er mir mitteilen: „Ich rufe jetzt die Polizei!“ Oder: „Ich sag‘s meiner Mama!“

Ich drehte ab und ließ ihn in Ruhe.

Aber ich bin zurückgekommen, hab gelauert, Schlaf geopfert. Hab das Grölen und Rülpsen unserer Besoffenen ertragen unterwegs und hab Posten bezogen. Hab drauf geachtet, dass er mich nicht ein zweites Mal sieht.

Es geht ihn nichts an, dass ich mich für ihn interessiere.

Fracasso find ich übrigens phantastisch. Ich würd mir die Finger ablecken, stünde so etwas auf dem Haus, in dem ich hause. Ich hab schon drangedacht, einfach so ein Wort, dazu auch so ein Logo hinzumalen an mein Haus, etwas wie Sargasso, Incasso, Barcasso, Gransasso , dazu einen Hamster oder einen Waschbären, nur den Kopf ... Aber ich trau mich nicht. Und die Zeichnung würd ich auch nicht gut hinkriegen.

In der Arbeit fragen sie mich, warum ich Ringe um die Augen habe. Mist bau ich auch dort. Immer öfter. Macht nix.

Regelmäßig liegen leere Flaschen vor dem Nest. Keine Milchflaschen. Tagsüber seh ich den Versager nicht. Vielleicht bettelt er. Oder er kann gut klauen. Wenn er schnarcht, klingt das wie Zufriedenheit.

Jetzt schläft er. Ich hocke hinter einem Hydranten, die Beine sind mir steif geworden.

Komisch.