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einhorn insel der seligen

EHRE WEM EHRE GEBÜHRT

Soll man eine Straße nach einer Gaststätte benennen, oder eher eine Gaststätte nach einer Straße? Die Frage stellt sich hier detektivisch, denn hier wurde Gewalt gesetzt gegen das Gewaltmonopol des Staates. Hier wurde die öffentliche Ordnung verklebt.

Ich sage: die poetische Versuchung war zu stark. Einbahn ist schlicht trivial und überdies als Zusammensetzung fragwürdig, zumindest mehrdeutig, wenn man etwa vergleicht mit Einsiedler, Einmachglas oder Einbildung.

Dagegen: das Einhorn. Ein makellos weißes Tier, doch kein Albino und keineswegs mit roten Augen oder anderen genetischen Defekten, strahlender als jeder Schimmel, nicht zum Reiten bestimmt, prunkend mit dem gedrechselten Horn, das, gehisst wie eine Standarte oder scheinbar drohend geschwenkt wie eine Waffe, den Blick gefangen nimmt. Über die Erde preschend, schneller als der Gepard, wendiger als der Hase und doch zahm und sanft, nicht zu fangen, nicht essbar (wiewohl ungiftig). Jungfrauenaffin, dies allerdings eine Bizarrerie längst versunkener Zeiten.

Aber nicht deswegen, fürchte ich, hat die Polizei, haben ihre Helfershelfer und Zuarbeiter diese Verfälschung eines amtlichen Verkehrsschildes lange Zeit nicht erkannt oder jedenfalls nicht geahndet.

(Oder doch? Sitzen da heimtückische Stadtverschönerer oder Obrigkeitsverhöhner schon längst im Kittchen – und wir wissen nichts davon? Wurde die irreführende Inschrift nur deswegen nicht berichtigt, um noch ausstehende etwaige Komplizen auszumachen, vielleicht in flagranti zu ertappen, wenn sie einen halb abgerissenen Streifen – den Köder – erneut befestigen wollten?)

Den Leuten vom Restaurant Zum Einhorn wurde nichts nachgewiesen. Absenzen wegen Haft sind nicht beobachtet worden.

Ein Restaurant benannt nach einem Tier, das wir nicht essen, das wir noch nicht einmal in einen Zoo oder Zirkus bringen können. Gegenpol zu Huhn und Sau, Kälbchen und Bock? Metaphorisches Aushängeschild einer notwendig fleischlosen Zukunft des Menschengeschlechts?

Nu mach man halblang.

Der Wirt will uns einfach was Schönes bieten, dass nicht nur unsere Gaumen auf ihre Kosten kommen sollten. Etwas wie: La Dolce Vita oder Bruckmandl oder Grüner Baum.

Aber die vom Restaurant haben alles abgestritten. Wollten sie niemanden aus dem Kreis ihrer inspirierten Gäste denunzieren?

Das Einhorn ist ein Traumtier, es galoppiert auf dieser Straße, entlang am großen Fluss, atemlos und mit donnernden Hufen; da stoppt es plötzlich seinen rasenden Lauf, schwenkt das Horn, das zeigt jetzt auf uns, und Meeresaugen blicken uns an: Ja, dorthin geht’s, mit dem Fluss zum Ozean, ins Unendliche der Zeit, ins niemals Vergangene. Auf!

Im Lokal wenden sie sich Kopf schüttelnd wieder dem wirklich köstlichen Kalbssteak zu. Und die finstere Dame von der Parküberwachung, die den Missstand endlich entdeckt und die Polizei alarmierte, hat sofort die Fassung wiedergewonnen. Der Funkstreifler nickt ihr anerkennend zu und reißt die Klebesteifen vom Schild.

Derweil sind wir in Atlantis. Via Delta, Schwarzes Meer, Hellespont, Weißes Meer, Säulen des Herakles, Brendans Insel ...Wenn Sie das alles für Kokolores halten, schauen Sie doch wenigstens bitte mal im Musée de Cluny in Paris vorbei: La Dame à la licorne. Den Rilke nicht vergessen!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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